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Uwe Neumahr

Kunst, Mord und Totschlag

dam0721bue08.jpgWer eine Lebensgeschichte des Goldschmieds und Bildhauers Benvenuto Cellini (1500  –1571) schreibt, kämpft gegen zwei übermächtige Gegner an: Er hat es einerseits mit der Autobiographie des Protagonisten und dadurch andererseits mit dessen selbsterzeugtem Mythos zu tun. So kann der Autor eigentlich nur verlieren. Bestätigt er die von Cellini erzählten tolldreisten Geschichten von Mord und Totschlag, Geisterbeschwörung, Helden- und Schandtaten, Verführung und Verstrickung, hohem Aufstieg und tiefem Fall, so erzählt er im besten Fall nach, was ja bereits unnachahmlich farbig, burlesk, dramatisch und larmoyant zugleich von Cellini selbst erzählt wurde.

Kommt er zu dem Ergebnis, dass übertrieben, fabuliert, erfunden, dass Legendenbildung betrieben wurde, rutscht er wie von selbst in die Rolle des Beckmessers. Legt man diese Ausgangssituation zugrunde, schlägt sich die vorliegende Biographie des Literaturwissenschaftlers Uwe Neumahr durchaus achtbar.

Ihr Verfasser zieht die von der Cellini-Forschung erschlossene Parallelüberlieferung aus Gerichtsakten, Rechnungsbüchern, Briefen und Tagebüchern heran und kann so einen Teil der von Cellini – stolz – in Anspruch genommenen Gewalttaten bestätigen, andere hingegen zu Versatzstücken einer Selbststilisierung erklären, die nicht nur die erfundene, sondern auch die gelebte Vita zutiefst prägt.

Cellini stellt sich an die Seite eines Leonardo da Vinci und eines Michelangelo und will wie diese Vorbilder auch von seinen Zeitgenossen, speziell von den Mächtigen, seinen Auftraggebern, wahrgenommen, umworben und behandelt werden. Das aber kann nicht gutgehen, so dass am Ende zumindest in der Selbsteinschätzung Cellinis Abstieg und Melancholie stehen – der selbsternannte uomo universale verkennt seine dienende Rolle im Ambiente des florentinischen Hofs und verliert auf dessen glattem Parkett jeden Halt.

Die weitere Hauptaufgabe eines Cellini-Biographen, den Zeithintergrund tiefenscharf zu umreißen, wird von Neumahr weniger angemessen erfüllt. So war die florentinische Signoria nicht ein „Parlament“, sondern eine Stadtregierung, Savonarola nahm zwar starken Einfluss auf die politischen Verhältnisse nach 1494, war aber weder Verfassungsgeber noch Theokrat und wurde nicht 1498, sondern schon im Mai 1497 exkommuniziert; und der Vater von Papst Clemens VII. war nicht Giuliano di Lorenzo de’ Medici, sondern dessen gleichnamiger, 1478 ermordeter Onkel.

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Umso überzeugender fallen die Präsentationen von Cellinis Werken aus, die angemessen in den historischen und sozialen Kontext plaziert und differenziert interpretiert werden. Fazit: eine empfehlenswerte Anleitung zu Lektüre und Verständnis von Cellinis grandioser Selbstinszenierung.

Rezension: Prof. Dr. Volker Reinhardt

Uwe Neumahr
Die exzentrische Lebensgeschichte des Künstlers und Verbrechers Benvenuto Cellini
Verlag wbg Theiss, Darmstadt 2021, 320 Seiten, € 30,–

 

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