Ernst Künzl Kunstraub in der Geschichte - wissenschaft.de
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Ernst Künzl

Kunstraub in der Geschichte

Die Sowjetunion betrachtete den Kunstraub in Deutschland nach Ende des Zweiten Weltkriegs als Entschädigung für eigene Kunstverluste. Dass sich derartige Gründe im Altertum noch nicht finden lassen, führt uns der Archäologe Ernst Künzl mit seinem reich bebilderten Werk über die Geschichte des Kunstraubs vor Augen. Vor allem in der Antike, aber auch im Mittelalter und der frühen Neuzeit treten andere, wechselnde Motive in den Vordergrund.

Den Beginn des historischen Kunstraubs setzt Künzl im antiken Orient an, in den Staaten Elam, Assyrien, Babylon und Persien. Elam weihte seine Beute den Göttern und bereicherte sich an ihrem materiellen Wert – Motive, die im Altertum immer wieder auftauchen. Im Zuge der griechisch-persischen Kriege diente das Rauben griechischer Kunstwerke, etwa der Tyrannenmördergruppe des Künstlers Antenor im Jahr 480 v. Chr., dann ausschließlich der persischen Machtdemonstration.  

Die folgenden Betrachtungen des Autors beziehen sich auf die griechischen und römischen Kunstraube. Griechische Staaten stifteten Heiligtümern wie Delphi oder Olympia „politisch interpretierbare Weihgeschenke“, die von ihnen allenfalls des materiellen Wertes wegen geraubt wurden. An der Kunst fremder Völker bestand zwar kein Interesse, mit der Eroberung Trojas um 1250 v. Chr. gerieten aber Götterbilder aus Tempeln und Heiligtümern in griechischen Besitz. Die Beute Roms stammte aus den besiegten Ländern. Prächtige Triumphzüge präsentierten den Kriegsruhm der jeweiligen Triumphatoren und spiegelten zugleich das Ausmaß des römischen Kunstraubs wider. Besonderen Eindruck muss die Syrakus-Beute des Claudius Marcellus im Jahr 211 v. Chr. hinterlassen haben. Anfangs spielte vor allem die reine Beutemenge eine Rolle, welche dem Staatsschatz zugeführt oder im Sinne eines religiösen Aktes in römischen Tempeln geweiht wurde.

Nach Darstellung des imposanten Flavier-Triumphs und einem kurzen Kapitel über ägyptische Obelisken in Rom – noch heute sind dort 13 Stück zu bestaunen – wendet sich Künzl den späteren Schicksalen Roms und Konstantinopel zu. Von 324 n. Chr. an stattete Kaiser Constantin seine neue Reichshauptstadt mit Kunstobjekten aus, die er, im Unterschied zur vorigen Praxis, im eigenen Reich sammeln ließ. Neuartig war die Suche nach Apostelreliquien, die dann im Zuge der Eroberung von 1204 den Venezianern und Kreuzfahrern in die Hände fielen. Der Autor stellt in diesem Zusammenhang die berechtigte Frage, ob die Kunstobjekte Konstantinopels die nachfolgende türkische Herrschaft ohne den stattgefundenen Raub überlebt hätten.

Die christliche Reliquienverehrung begann in der römischen Spätantike und fand im 12. und 13. Jahrhundert ihren Höhepunkt. Dass man nun sogar aus ganzen Herrscherleichen Kraft und eigene Herrschaftslegitimation bezog, macht Künzl am Beispiel der Nachfolgeregelung des römisch-deutschen Kaisers Otto III. deutlich. Das abschließende Kapitel über den Raub ganzer Bibliotheken erscheint, wenngleich interessant, thematisch ein wenig fehl am Platz.

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Mit seinem Werk liefert Künzl einen aufschlussreichen und lesenswerten Beitrag zur Geschichte des Kunstraubs. In Abgrenzung zu den Motiven der Neuzeit informiert der Autor über historische Abläufe und Beweggründe, die dem Begriff des Kunstraubs eine andere Bedeutung verleihen.

Rezension: Lisa-Marie Kolb

Ernst Künzl
Der große Kunstraub
Orient, Griechenland, Rom, Byzanz
Nünnerich-Asmus Verlag, Oppenheim am Rhein 2019, 168 Seiten, € 25,-

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