Johannes Schwartz KZ-Aufseherinnen: Terror und Gewalt - wissenschaft.de
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Johannes Schwartz

KZ-Aufseherinnen: Terror und Gewalt

dam0718bue12.jpgDie nationalsozialistischen Konzentrationslager sind mittlerweile ausgesprochen gut erforscht. Dies gilt auch für das dort tätige SS-Personal, das aus mehreren zehntausend Männern und mindestens 4000 Frauen bestand. Die meisten KZ-Aufseherinnen kamen allerdings erst in der zweiten Kriegshälfte zum Einsatz.

Für die Bewachung der seit 1943/44 in großer Zahl eingerichteten KZ-Nebenlager setzte die SS Frauen ein. Diese wurden entweder aus der Belegschaft derjenigen Firmen, die ein Außenlager anforderten, rekrutiert oder durch die Arbeitsämter dienstverpflichtet. Bei der Weigerung, Dienst in einem KZ zu tun, hätte niemand Zwangsmaßnahmen zu fürchten gehabt.

Im Gegensatz zur großen Zahl der erst in der letzten Kriegsphase eingesetzten Aufseherinnen war eine zahlenmäßig kleine Gruppe von ihnen bereits seit
Ende der 1930er Jahre im KZ tätig. Dabei stand das Frauen-KZ Ravensbrück im Zentrum. Hier setzt das Buch von Johannes Schwartz ein, das auf einer Dissertation beruht.

Nach einer methodisch-theoretischen Vorüberlegung und einem Abriss über die Geschichte des KZ Ravensbrück bzw. des zugehörigen, im Frühjahr 1943 eingerichteten Nebenlagers Neubrandenburg folgen zwei Kapitel über Rekrutierung und Ausbildung der dort tätigen Frauen sowie ihre Aufstiegsmöglichkeiten innerhalb der Lagerhierarchie. Der zweite Teil der Studie beschäftigt sich dann intensiv mit dem Gewalt- und Tötungsalltag der Aufseherinnen.

Konkret geht es darum, wie die Oberaufseherinnen ihre dienstliche Position gegenüber den Untergebenen ausfüllten und sicherten, wie die Bediensteten die Häftlinge drangsalierten, prügelten und folterten und wie sie sich an Tötungsaktionen, insbesondere der Ermordung der kranken und geschwächten Häftlinge (Aktion „14f13“) oder an Selektionen, die den Tod der Gefangenen zur Folge hatten, beteiligten.

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Das Schlusskapitel resümiert vor dem Hintergrund der Geschlechterdimension sowohl die Handlungsspielräume der Aufseherinnen als auch die Bandbreite des ausgeübten Terrors. Deutlich wird, dass die Aufseherinnen ähnlich wie die SS-Männer agierten und über ein weites Spektrum an Gewaltformen verfügten, die sie gelegentlich mit, meistens aber ohne Anweisung der Vorgesetzten anwandten.

Beides – die Möglichkeit, die Handlungsspielräume im eigenen Sinn auszunutzen, wie auch der Zwang der Gruppe und die Dynamiken innerhalb dieser – wirkte sich nahezu immer zuungunsten der Häftlinge aus. Johannes Schwartz kann dies am Beispiel des untersuchten Mikrokosmos eindrücklich zeigen.

Rezension: Prof. Dr. Karin Orth

Johannes Schwartz
„Weibliche Angelegenheiten“
Handlungsräume von KZ-Aufseherinnen in Ravensbrück und Neubrandenburg
Verlag Hamburger Edition, Hamburg 2018, 440 Seiten, € 28,–

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