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Reinhard, Wolfgang

Lebensformen Europas – Eine historische Kulturanthropologie

„Kultur“ ist das werbewirksame Signet, unter dem sich Vergangenheit gegenwärtig am erfolgreichsten präsentieren läßt. Auf dieser bunten, noch längst nicht klar vermessenen Spielwiese hat nun auch der Freiburger Frühneuzeit?historiker Wolfgang Reinhard, der sich mit exzellenten Grundlagenwerken zur Kirchen-, Kolonial- und politischen Machtgeschichte einen Namen gemacht hat, ein veritables Claim eröffnet. Mit dezidiert kulturanthropologischem Schürfanspruch entwirft er ein weitgespanntes Panorama europäischer Lebensformen.

Unter der Überschrift „Körper“ erfolgt zunächst eine Darstellung aller wichtigen Felder menschlichen Lebens von der Wiege bis zum Grab, der zweite Teil „Mitmenschen“ reflektiert Gesellschaftsstrukturen und Kommunikationskreise, der Schlußteil thematisiert die von Menschen gestalteten „Umwelten“, von der geographischen Natur bis zu den imaginierten Räumen der Transzendenz. Der kulturanthropologische Zugriff soll garantieren, daß bei der Rekonstruktion des menschlichen Lebens nicht bloß die „kulturelle“, sondern auch die von der Historiographie vernachlässigte „natürliche“ Seite der menschlichen Doppelexistenz, wie sie von der Biologie beschrieben wird, eine angemessene Berücksichtigung erfährt. Angesichts der gewaltigen Dimensionen des Werks verbietet sich beckmesserische Detailkritik. Gleichwohl ist darauf hinzuweisen, daß die versuchte Integration der biologischen Anthropologie, insbesondere der vergleichenden Verhaltensforschung, problematisch ist. Der kulturkritische Versuch der Animalisierung des Menschen ist nicht neu und nicht sinnvoller als die weitverbreitete, gegenwärtig kulminierende Anthropomorphisierung von Tieren. Die oft vorschnelle Begabung der Tiere, insbesondere der Primaten, mit „Kultur“ oder „Moral“, welche manche Verhaltens?forscher gegenwärtig vor?nehmen, erscheint kaum erkenntnisfördernder als die Behauptung, die beispielsweise Territorialverhalten, Aggression oder Fremdenfeindlichkeit als genetisch unentrinnbares menschliches Schicksal ansehen will.

So einfach läßt sich der nach wie vor tiefe Graben zwischen Natur und Kultur nicht überbrücken. Es macht die bereits in der Antike erkannte und historisch tausendfach belegbare Besonderheit des Menschen aus, daß er sich im Gegensatz zu den anderen Tieren eben auch extrem „unnatürlich“ verhalten kann. Solange Tiere sich weder in Religionsgemeinschaften noch in politischen Parteien (nicht einmal bei den Grünen!) engagieren, Opernhäuser und Theater uninteressant finden und (notabene!) auch keine Kulturgeschichten schreiben, muß man glücklicherweise nicht befürchten, daß sich Menschen notwendigerweise so „tierisch“ verhalten, wie das manche Verhaltensforscher behaupten.

Nun wäre Reinhard nicht Reinhard, wenn er den Biologen stets gläubig und unkritisch folgte. Auch sie müssen sein kritisches Urteil ertragen. Dies macht den besonderen Reiz des Buches aus. Hier artikuliert sich ein skeptischer Humanist von stupender Gelehrsamkeit, der die interna?tionale Forschung in ihren wichtigsten Verästelungen kennt und dem es mit souveränem Blick gelingt, sein Thema mit denkbar weitem Horizont, geradezu im globalen Rahmen, darzustellen. Der Autor verläßt mit vielen Argumentationen den eingespielten wissenschaftlichen Komment und sucht provokativ den Anschluß an aktuelle Debatten, bis hin zur Gen- und Hirnforschung. Diese inhaltliche und methodologische Offenheit, die sich nicht einmal scheut, „das ganz gewöhnliche Vorurteil des Stammtisches zu rehabilitieren“, macht neben der enzyklopädischen Vielfalt der Themen den verführerischen Reiz des Werkes aus. Wer allerdings nicht der Meinung des Autors ist, kann seines sarkastischen Spottes, der selbst vor der ganzen Menschheit nicht haltmacht, sicher sein: „Für die Umwelt wäre das Aussterben des sogenannten Homo sapiens sowieso die beste Lösung.“ Auch wenn jene Hochkultur, die man noch im 19. Jahrhundert mit „C“ geschrieben hat, nicht im Zentrum dieses Buches steht, was natürlich den Abstand zwischen dem „Homo sapiens“ und den „Tieren“ schrumpfen läßt, ist Reinhards kulturanthropologisches Opus magnum nicht weniger als der Versuch, die Geschichtsschreibung in den Kreis der gegenwartsrelevanten Wissenschaften zurückzuführen.

Rezension: Münch, Paul

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Reinhard, Wolfgang
Lebensformen Europas – Eine historische Kulturanthropologie
Verlag C. H. Beck, München 2004, 718 Seiten, Buchpreis € 39,90
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