Jasper, Willi Lusitania – Kulturgeschichte einer Katastrophe - wissenschaft.de
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Jasper, Willi

Lusitania – Kulturgeschichte einer Katastrophe

Am 7. Mai 1915 versenkte das deutsche U-Boot „U 20“ den irrtümlich als bewaffnetes Handelsschiff identifizierten britischen Passagierdampfer „Lusi‧tania“, wobei 1198 Menschen, darunter 120 amerikanische Staatsbürger, starben. Der Tod derart vieler Amerikaner sorgte in den USA für einen Aufschrei des Entsetzens, weshalb das Deutsche Reich den uneingeschränkten U-Boot-Krieg zeitweise einstellte, um einen Kriegseintritt der USA zu vermeiden.

Mit dieser humanitären Katastrophe befasst sich der Germanist Willi Jasper. Seine kulturgeschichtlichen Betrachtungen beschränken sich allerdings im Wesentlichen auf ausgiebige Zitate von prominenten Zeitzeugen wie Thomas Mann oder Karl Kraus. Die kultur- und literaturwissenschaftliche Relevanz dieser Zitate vermag der Rezensent nur eingeschränkt zu beurteilen, da er als Marine-Historiker von Germanistik ungefähr so viel Kenntnis hat wie Jasper von Marinegeschichte. Diese mangelnde Sachkompetenz ist die große Schwäche des Buchs: Wesentliche militärische Aspekte wie die seestrategische Lage des Deutschen Reichs oder die mit dem U-Boot-Krieg verbundenen völkerrechtlichen Probleme, darunter auch die zentrale Frage, ob der Angriff auf die „Lusitania“ ein Kriegsverbrechen war, werden nur oberflächlich behandelt. Überdies werden grundlegende Begriffe falsch oder unpräzise verwendet.

Beispielsweise war Großadmiral Tirpitz nie „Reichsmarinechef“, sondern lediglich Staatssekretär im Reichsmarine‧amt. Auch Fragen wie Mentalität, Geisteshaltung und Motivation der „U-Boot-Kommandeure“ (die korrekte Bezeichnung ist „U-Boot-Kommandant“) werden nur angerissen. Holzschnittartig werden diese als mordlustige Gewalttäter präsentiert, die zudem, so Jaspers’ Vorwurf, später der NS-Ideologie nahegestanden hätten. Im Fall von Karl Dönitz ist eine solche verkürzende Deutung möglicherweise nicht ganz unzutreffend, sie ist aber kaum geeignet, um das Leben und Wirken des Theologen und Widerstandskämpfers Martin Niemöller – wie Dönitz U-Boot-Kommandant im Ersten Weltkrieg – angemessen zu würdigen.

Ungeachtet eines interessanten Ansatzes schmälern der Mangel an Analyse, die wenig differenzierende Darstellung und die mangelnde Sachkenntnis in militärischen Fragen den Erkenntniswert dieses Buch er‧heblich, das insgesamt eher den Eindruck einer Anklageschrift als einer sachlich-objektiven Analyse einer menschlichen Tragödie erweckt.

Rezension: Dr. Jann M. Witt

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Jasper, Willi
Lusitania – Kulturgeschichte einer Katastrophe
be.bra verlag, Berlin 20, 208 Seiten, Buchpreis € 19,95
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