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Liehr, Günter

Marseille – Porträt einer widerspenstigen Stadt

Marseille – eine Stadt mit vielen Gesichtern und großen sozialen Gegensätzen. Dem durchschnittlichen Frankreich-Touristen der vergangenen Jahrzehnte war die älteste Stadt Frankreichs eher keinen Besuch wert: Für einen miserablen Ruf sorgten Meldungen über kriminelle Banden, die in den heruntergekommenen Banlieues schwer bewaffnet ihre Drogenkriege austrugen, ebenso wie die Wahrnehmung der Stadt als Hochburg rechtsradikaler Politiker.

Seit kurzem wandelt sich dieses Bild in der Öffentlichkeit: Als Kulturhauptstadt Europas lockt Marseille mittlerweile Investoren, Kurzurlauber und Kreuzfahrtschiffe an. Der Journalist und Wahlfranzose Günter Liehr nimmt diesen Wendepunkt zum Anlass, ein Porträt der „widerspenstigen Stadt“ zu zeichnen. Sein Buch erzählt die turbulente Geschichte von Marseille in den letzten 200 Jahren.

Liehr nimmt dabei die großen Entwicklungen in den Blick: die rebellische Phase der Stadt in den Wirren der französischen Revolution, die wachsende Bedeutung ihres Hafens, die Industrialisierung mit der Ansiedlung von Seifensiedereien und Fettfabriken sowie die zahlreichen Einwanderungswellen während des 19. und 20. Jahrhunderts, vor allem auch vor dem Hintergrund der zwei Weltkriege.

Gleichzeitig werden einzelne Protagonisten der Stadtgeschichte genauer beleuchtet. So zum Beispiel der Korse Simon Sabiani, der 1920 als erster Vertreter einer kommunistischen Partei ins Marseiller Rathaus gewählt wurde und zum stellvertretenden Bürgermeister der Stadt aufstieg. In den folgenden Jahren rückte er politisch immer weiter ins rechte Lager und wurde während der deutschen Besatzung zu einem wichtigen Nazi-Kollaborateur.

Der Autor widmet sich auch der jüngeren Vergangenheit der Stadt. Er erzählt, wie Marseille in den 70er Jahren zum Zentrum des internationalen Drogenhandels wurde und schildert den Aufstieg der extremen Rechten. Darüber hinaus beschreibt er den Kulturboom der vergangenen Jahrzehnte mit der Entstehung einer innovativen Theaterlandschaft und Musikszene.

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Im Gesamten zeichnet der Autor anschaulich und fundiert ein facettenreiches Bild der Mittelmeermetropole, die sich bis heute aus den Kulturen ganz unterschiedlicher Menschen zusammensetzt.

Das Porträt endet mit einem Blick auf die aktuelle Lage: In den letzten Jahren wurde begonnen, die Innenstadtviertel für Touristen und Investoren aufzuhübschen, während die weniger ins Bild passenden Menschen aus dem Stadtzentrum vertrieben werden. Das alte Zentrum mit seinen mediterranen Märkten und dem armen, aber exotischen Menschengewimmel muss den zeitgemäßeren Malls und Modeboutiquen mehr und mehr weichen. Für Liehr ist diese Entwicklung fragwürdig, bedroht sie doch den Reiz des Widersprüchlichen, der für ihn die Stadt gerade ausmacht. Ob es gelingt, aus Marseille eine „normale“ Großstadt zu machen, wird die Zukunft zeigen. Der Autor glaubt weiterhin an die Widerstandskraft dieser ungewöhnlichen Metropole.

Rezension: Anna Joisten

Liehr, Günter
Marseille – Porträt einer widerspenstigen Stadt
Rotpunktverlag, Zürich 2013, 336 Seiten, Buchpreis € 29,90
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