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Maximilian Strnad

„Mischehen“ in der NS-Zeit

dam0721bue12.jpgDurch die Veröffentlichung der Tagebücher von Victor Klemperer (Aufbau Verlag, 1996) ist einem breiten Publikum das Schicksal von in „Mischehen“ lebenden Menschen in der Zeit des Nationalsozialismus vor Augen geführt worden. Umso erstaunlicher ist es, dass zwar in lokalgeschichtlichen Studien zur NS-Judenverfolgung immer wieder auf diese hingewiesen wurde, bisher aber noch keine Gesamtdarstellung dazu erschienen ist. Diese hat nun Maximilian Strnad mit seiner an der Universität München angenommenen Dissertation vorgelegt.

In der Einleitung gibt er einen Einblick in die NS-Terminologie für die in „Mischehen“ lebenden Paare und ihre Kinder sowie in die Schwierigkeiten, die die Rassenideologen gerade mit diesen Kindern hatten. Die Ideologen bemühten sich, die nicht-jüdischen Ehepartner scharf von den jüdischen zu trennen, und unterteilten die Kinder danach, ob sie christlich beziehungsweise nicht-religiös oder aber jüdisch erzogen wurden. Entsprechend galten die einen in der NS-Terminologie als „Mischlinge“, die anderen als „Geltungsjuden“.

Strnad geht es vor allem darum, die unterschiedlichen Handlungsräume auszuleuchten, die den in „Mischehen“ lebenden Menschen zur Verfügung standen, je nachdem, in welcher Kategorie sie von der nationalsozialistischen Verwaltung erfasst wurden. Strnad geht zunächst der Verfolgungsdynamik von 1933 bis 1938 nach, in der diese Handlungsräume sukzessive eingeschränkt wurden. Den Höhepunkt und Abschluss dieser Phase bildet der 9. November 1938, für den Strnad bewusst den Begriff „Kristallnacht“ verwendet und mit dem die privaten Rückzugsräume zerstört wurden.

Im Dezember 1938 wurde die neue Kategorie der „privilegierten Mischehe“ für Paare eingeführt, bei denen der Mann als arisch definiert wurde und die christlich erzogene Kinder hatten. Diese „Mischehen“ wurden von der extremen Verfolgung ausgenommen und blieben auch von der Einweisung in die Ghettohäuser und Sammelunterkünfte verschont. In diese Kategorie gehörten aber nicht Paare, in denen die Frau als arisch galt. Diese sollte so zur Scheidung von ihrem jüdischen Mann gedrängt werden.

1942, mitten im Krieg, begann nach Strnad schließlich die dritte und letzte Phase der Verfolgung, in der die in „Mischehen“ lebenden Menschen verschiedenen „Überlebens- und Todesräumen“ zugewiesen wurden.

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Von den 23 000 deutschen Jüdinnen und Juden, die die Zeit des Nationalsozialismus überlebt hatten, waren 13 000 mit einem nicht-jüdischen Partner verheiratet. Deren Schicksal in den frühen Nachkriegsjahren, ihre Schwierigkeiten, als Verfolgte anerkannt zu werden oder Entschädigungen zu erhalten, geht Strnad in seinem letzten Kapitel nach.

Er hat mit seiner präzise erarbeiteten und einfühlsam geschriebenen Studie, in der er immer wieder verstörende Einzelfälle schildert und aus erschütternden Ego-Dokumenten zitiert, ein eindringliches Bild des Schicksals der in „Mischehen“ lebenden Deutschen in der Zeit des Nationalsozialismus und danach gegeben.

Rezension: Prof. Dr. Ulrich Wyrwa

Maximilian Strnad
Privileg Mischehe?
Handlungsräume „jüdisch versippter“ Familien 1933 – 1949
Wallstein Verlag, Göttingen 2021, 512 Seiten, € 46,–

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