James Romm Morde und Dramen um Nero - wissenschaft.de
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James Romm

Morde und Dramen um Nero

dam0718bue01.jpgMit einem monarchischen Hof wird gern ein striktes Regelwerk verbunden: Es gibt ein Hofzeremoniell, eine klare Rang- und Funktionsordnung sowie einen Verhaltenskodex für „Höflinge“, wie ihn etwa Baldassar Casti-glione zu Beginn des 16. Jahrhunderts in seinem Dialog „Il cortegiano“ formulierte. Aber der Begriff entpuppt sich als „falscher Freund“, überträgt man ihn auf den frühen römischen Prinzipat, also die iulisch-claudische Dynastie.

Zwar hatte Augustus für alle Zeiten die Rolle des Princeps zu definieren vermocht, aber der zugleich militärisch, politisch, dynastisch und aristokratisch geprägte Hof um den Princeps herum stellte ein hochgradig instabiles, prekäres, von persönlichen Konstellationen und widerstreitenden Logiken bestimmtes Gebilde dar. Hier konnte es lange keine fixen Rollen und stabilen Erwartungen geben. Und um die Sache noch komplizierter zu machen, ist auch die Überlieferung der Ereignisse und Verhaltensweisen von Anfang an kontaminiert und gleicht einer trüben Melange aus Tatsachen, Unterstellungen und Urteilen. Nur von diesen Voraussetzungen her ist die Geschichte von Nero und Seneca wissenschaftlich verantwortbar anzugehen.

Doch James Romm kennt die Magie der erzählenden Quellen – Tacitus, Sueton, Cassius Dio – allzu gut und weiß, was Sachbuchleser von einem Buch über die frühe Kaiserzeit legitimerweise erwarten. Und so gruppiert er den farbigen Stoff um die spektakulären Morde und Selbstmorde, die in einem bizarren Familiendrama Claudius und Nero zur Macht brachten, potentielle Rivalen ausradierten und am Ende auch das Duo ereilten, das Nero den Weg bereitet hatte und glaubte, ihn dirigieren zu können: seine Mutter Agrippina und seinen langjährigen Lehrer, Berater und amicus, den philosophischen Schriftsteller Seneca.

Indes, die verqueren Rationalitäten des Systems Prinzipat – Romm nennt es einmal den „großen Potenzierer charakterlicher Defizite“ – interessieren den Autor nur wenig, und auch sein Nero bleibt als „krankes Hirn“ eher unprofiliert und nicht auf dem Stand der neueren Forschung. Stattdessen konzentriert er sich auf die womöglich nicht zu bewältigende Aufgabe, die philosophische Selbstsorge des Stoikers Seneca zusammenzubringen mit dem erst spät ausstiegsbereiten Höfling – ungeachtet der eingeräumten Tatsache, dass beide Personen kaum Notiz voneinander nahmen. Resultat ist ein kenntnisreiches und lesbares Buch, das jedoch bestimmte Fragen nicht stellt, die gestellten letztlich nicht beantworten kann und zudem von Effekthascherei und Spekulationen nicht frei ist.

Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter

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James Romm
Seneca und der Tyrann
Die Kunst des Mordens an Neros Hof
Verlag C. H. Beck, München 2018, 320 Seiten, € 24,95

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