Hersche, Peter Muße und Verschwendung – Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter - wissenschaft.de
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Hersche, Peter

Muße und Verschwendung – Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter

Etwa 100 Millionen Seelenmessen pro Jahr und von Mittelitalien bis Franken überall neue, barock ausgestattete Pfarrkirchen: Das sind nur zwei markante Charakteristika des katholischen Europa im 18. Jahrhundert. Geringere Militärausgaben als in protestantischen Staaten, ein toleranterer Umgang mit den Bettlern, eine enge Verbindung des Schulwesens mit der Kirche, dabei organisierte Bildungsinstitutionen für Mädchen, das sind hierfür weitere Beispiele.

Dagegen investierte das protestantische Nordwesteuropa gleichzeitig in Manufakturen und Infrastruktur, Versicherungen und Fernhandel – und in Privathäuser. Im katholischen Teil des Kontinents bevorzugte man indes die Landwirtschaft, die insbesondere im Zuge der Reagrarisierung Italiens nach der fatalen Pestwelle von 1630 durch den Ausbau von Spezialkulturen (Wein) intensiviert wurde. Davon ließ sich gut leben und ein deutlich größerer Teil des Sozialpro-dukts für den Kultus abzweigen. Die katholischen Länder begannen erst im Reformabsolutismus die Aufholjagd.

Den Theoretikern der Moderne in Europa, allen voran Max Weber, galt, wie den – überwiegend – protestantischen Reiseschriftstellern der Aufklärung, alles Protestantische als fortschrittlich, Katholisches als rückständig. Empirisch arbeitete Weber den Typus katholischer Lebensführung aber nicht mehr aus. Das unternimmt nun der Berner Historiker Peter Hersche. Er bietet hier erstmals einen gesamteuropäischen Überblick, indem er die Forschungser-gebnisse der Sozial-, Kirchen-, Kultur- und Wirtschaftsge-schichte des letzten halben Jahrhunderts aus acht Sprachräumen souverän zusammenführt. Seine Anregung ist, das katholische Europa nicht als defizitäre Welt, sondern als einen anderen Weg in die Moderne zu betrachten. „Barock“ bedeutet ihm die „Dominanz des Kulturell-Religiösen gegenüber dem Ökonomischen“.

Hersche bietet eine höchst differenzierte Betrachtung der ganz unterschiedlichen Katholizismen – vom südeuropäischen, der fern reformatorischer Einflüsse war, über die gemischtkonfessionellen Räume Mittel- und Mittelosteuropas bis zum klassizistischen Modell Frankreichs. Er zeigt, wie schwach letztlich die Reformimpulse des Konzils von Trient (1545 –1563) blieben, die Kirche romkonform zu disziplinieren: Vielerorts mußten sie erst im 18. Jahrhundert wiederaufgenommen werden. Stark blieb demgegenüber der Einfluß der Laien, die in Bruderschaften oder Stiftungen keine von Klerikern dominierte Kirche zuließen.

Bei jedem Aspekt dieser dichten „Totalgeschichte“ des Katholizismus differenziert Hersche genau nach Regionen und Zeitpunkten. Auch verweist er auf Differenzierungen innerhalb der protestantischen Welt und gegenseitige Beeinflussungen. Dementsprechend waren konfessionelle Prägungen jeweils nur mehr oder weniger stark, nicht gegenseitig ausschließlich. Die Feingliederung dieses sehr gut lesbaren Buches erlaubt außerdem, es wie ein Lexikon zu benutzen. Wer wissen will, was die Besonderheiten des katholischen Barockzeitalters waren, muß zu diesem Buch greifen, und er kann dabei wichtige Hintergrundinformationen zum heutigen Europa erhalten. Den bewußt provokanten Titel „Muße und Verschwendung“ meint Hersche durchaus als aktuellen Warnruf des Historikers gegen eine Mentalität grenzenloser Akkumulation.

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Rezension: Dinges, Martin

Hersche, Peter
Muße und Verschwendung – Europäische Gesellschaft und Kultur im Barockzeitalter
Herder Verlag, Freiburg im Breisgau 2006, 1206 Seiten, Buchpreis € 78,00
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