Anette Blaschke Nationalsozialismus auf dem Land - wissenschaft.de
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Anette Blaschke

Nationalsozialismus auf dem Land

dam0718bue11.jpgKonnte Erich den Hof seines Onkels erben? Für das Gesundheitsamt in Hameln war der Fall im Oktober 1938 klar: Nein! Die Begründung: Schon jetzt ließe sich „in der zurückgebliebenen sprachlichen Entwicklung ein angeborener Defekt“ erkennen, „dessen Auswirkung nicht abzusehen“ sei. Erben, so die Amtsärzte, könne eben nur, wer „bauernfähig“ sei – und das konnten im Sinne des Nationalsozialismus nur „erbgesunde“ Volksgenossinnen und Volksgenossen sein.

Wie sehr der Nationalsozialismus die ländliche Lebenswelt bestimmte, ist Gegenstand des Buchs von Anette Blaschke, die für ihre Regionalstudie die protestantischen Gemeinden im Landkreis Hameln-Pyrmont untersucht hat. Dabei geht es nicht nur um Fälle wie den von Erich K., dessen Onkel Suizid begangen hatte und dessen Mutter taubstumm war. Im Mittelpunkt steht die ganze Vielfalt ländlichen Lebens. Betrachtet werden so auch die verschiedenen staatlichen und parteiamtlichen Instanzen, die die „Blut und Boden“-Politik des NS-Staates durchzusetzen versuchten.

Das Buch ist eine Art Mikrogeschichte: Möglichst detailreich werden die unterschiedlichen Handlungsspielräume der Akteure untersucht, und es wird gleichzeitig Distanz gegenüber vollschnellen Verallgemeinerungen gewahrt. Dass die ländliche Lebenswelt vielfältig und die Formen, auf die neuen Machthaber zu reagieren, sehr unterschiedlich sein konnten, ist schon länger bekannt. Die ländliche Gesellschaft musste nicht etwa „gleichgeschaltet“ werden – oft war das ein freiwilliger Prozess, aus ideologischer Überzeugung oder aus Kalkül. Zugleich waren bäuerlicher Eigensinn und nationalsozialistische Agrarpolitik keineswegs deckungsgleich.

Das Buch schärft gleichwohl den Blick für so manche Konfliktgegenstände, die bisher nicht intensiv untersucht worden und für eine allgemeine NS-Geschichte relevant sind: Es geht sehr konkret um den Hof, um „Ortsbauernführer“ und bäuerliche Lebenswelt, um landwirtschaftliche Produktion und Bewirtschaftung, um die Sorgen des wirtschaftlichen Überlebens und auch um den Arbeitseinsatz von Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern. Vor allem der Krieg mit seinen Dienstverpflichtungen war es, der eine entscheidende Zäsur in der Region darstellte.

Hilfreich wäre es indes gewesen, noch etwas mehr über den protestantischen Charakter der Region und damit die Besonderheit gerade auch religiöser Praktiken bäuerlicher Sinnwelten zu erfahren. Womöglich sind auch nicht alle Befunde gleich so „neuartig“, wie es die Verfasserin verkündet. Und man wird nicht gerade sagen können, dass die Art der sprachlichen Darstellung es den Lesern leicht macht, allen Argumenten zu folgen. Wer sich davon aber nicht abhalten lässt, der bekommt einen anregenden Einblick in die ländliche Lebenswelt des „Dritten Reiches“, der über die Untersuchungsregion hinaus von Interesse ist.

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Rezension: Prof. Dr. Dietmar Süß

Anette Blaschke
Zwischen „Dorfgemeinschaft“ und „Volksgemeinschaft“
Landbevölkerung und ländliche Lebenswelten im Nationalsozialismus
Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, 458 Seiten, € 68,–

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