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Mischa Meier

Nero und die Christenverfolgung

dam1021bue01.jpgEines der bekanntesten Ereignisse der Antike ist die Christenverfolgung durch Kaiser Nero. Allgemein gilt, dass Nero mit den Christen einen Sündenbock präsentierte, der ihn von dem Gerücht, er selbst habe das große Feuer im Jahr 64 in Rom gelegt, entlasten sollte. Genau diesen Zusammenhang stellt der Tübinger Althistoriker Mischa Meier in einer kleinen, aber bemerkenswerten Schrift in Frage.

Meier stellt drei Thesen auf: Erstens hatten die Römer noch keinen Begriff für die Christen, sondern hielten diese für eine jüdische Splittergruppe. Zweitens standen der Brand und die Verfolgung in keiner ursächlichen Verbindung. Und drittens knüpfte Nero in der Art der Hinrichtungen an seine mythisierenden Bühnenauftritte an.

Meier führt zum letzten Punkt aus, dass die Christen keineswegs, wie es oft heißt, den typischen Strafen für Brandstiftung unterzogen wurden. Vielmehr inszenierte Nero die Hinrichtung als Spektakel voller Bezüge auf solche Mythen, zu deren Gegenstand der Verwandtenmord gehörte. Die Christen wurden als Dirken und Danaiden gemartert. Der Dirke-Mythos handelt von einem Beinahe-Muttermord, der Danaiden-Mythos von Gatten- und Geschwistermord. Die Verbrennung der Christen am Kreuz verwies auch auf den Hercules insanus (kranken Herkules), der Frau und Kinder umgebracht hatte.

Dieselbe Motivik findet sich schon in Neros Bühnenauftritten. Da Nero selbst Mutter, Stiefbruder und Gattinnen ermordet hatte, war das sehr provokativ. Aber wie Meier plausibel macht, ging es Nero um mehr: Er wollte in seinen Inszenierungen aufgehen und selbst zum lebenden Mythos werden.

Auch Meiers erste These ist einleuchtend: Die Gruppe der stadtrömischen Christen war im ersten Jahrhundert gewiss zu klein, als dass sie der römischen Obrigkeit als eigenständige Gemeinschaft hätten auffallen können. Die einzigen in Rom, die Christen als separate Gruppierung wahrnahmen, waren die Juden. Da nachweislich Christen in Rom immer wieder Tumulte in Synagogen auslösten, haben vermutlich Juden aus Selbstschutz die Christen bei der Obrigkeit angezeigt. So fielen die Christen wohl überhaupt erst den Römern auf.

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Am spannendsten ist die zweite These. Wer wollte schon die Verbindung zwischen Brand und Verfolgung, die Tacitus so eindrücklich schildert, bezweifeln? Doch Meier hat ein schlagendes Argument zur Hand: In keiner einzigen christlichen Quelle wird eine Verteidigung der Christen gegen den Brandstiftungsvorwurf unternommen – und „auch die Gegenseite schweigt im übrigen beredt“.

Nur ein Punkt scheint diskutabel: Meiers Auffassung nach hat das Gerücht, Nero habe Rom anzünden lassen, nur in der Oberschicht kursiert. Sonst hätte Nero während der Hinrichtungen kein Bad in der Menge nehmen können, wie es Tacitus beschreibt. Doch es könnte sich dieses Gerücht auch erst im Nachhinein entwickelt und verbreitet haben, als Neros größenwahnsinnige Wiederaufbaupläne sich immer deutlicher abzeichneten. Über dieses Gerücht könnte sich dann die Deutung der Christenverfolgung als Sündenbocksuche entwickelt haben, die dann kein Konstrukt des Tacitus mehr wäre.

Rezension: Dr. Philipp Deeg

Mischa Meier
Die neronische Christenverfolgung und ihre Kontexte
Universitätsverlag Winter, Heidelberg 2021, 73 Seiten, € 22,–

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