Tim Weitzel Neue Sicht auf die Kreuzzüge - wissenschaft.de
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Tim Weitzel

Neue Sicht auf die Kreuzzüge

Während das Phänomen „Kreuzzug“ in der Öffentlichkeit spätestens nach der Rede von George W. Bush nach „9/11“ wieder Beachtung fand, besitzt die historische Kreuzzugsforschung eine lange Tradition. Von dieser versucht sich Tim Weitzel in seiner Dissertation abzugrenzen, indem er die gängige These vom Kreuzzug als (ausschließlich) päpstliches Unternehmen in Frage stellt und die Kreuzzüge als „charismatische Bewegungen“ (unter Rückgriff auf die Herrscher-Theorie Max Webers, 1919) interpretiert.

Methodisch untersucht Weitzel die „Transformation des Kreuzzugsgedankens“ für die ersten beiden Züge zumeist anhand zeitgenössischer historiographischer Zeugnisse. Beim ersten Kreuzzug erscheint Urban II. als maximus auctor und als Verkünder eines von Gott befohlenen bzw. geführten Krieges (1095 –1099). Diese auf Amts-Charisma beruhende Dominanz relativiert der Verfasser jedoch durch den Nachweis der zentralen Rolle, die Kreuzzugsführer mit Personal-Charisma, wie etwa Peter von Amiens, bei der Realisierung der Kreuzzugsidee mit Modifikationen in der Praxis besaßen.

Noch problematischer wurde die Führungsrolle des Papstes beim Zweiten Kreuzzug (1147–1149), als die Urheberschaft des Projektes in das „Spannungsfeld konkurrierender Autoritäten“ (Papst, Ludwig VII., Bernhard von Clairvaux) geriet und das Unternehmen wegen Kompetenz-Konflikten scheiterte. Diese Vorgänge wirkten sich auf die folgenden Orient-Kreuzzüge negativ aus, bei denen das charismatische Element kaum eine Rolle spielte. Dennoch wird man für die ersten beiden Kreuzzüge die Führungsrolle des Papstes hinsichtlich der praktischen Umsetzung der Kreuzzugsidee zugunsten anderer charismatischer Führer relativieren müssen – wie Weitzel in seiner kenntnisreichen Studie verdeutlicht, deren sprachliche Gestaltung mitunter sehr verästelt wirkt, jedoch hinsichtlich der Gedankenführung präzise ist.

Trotz aller Modifizierungsbemühungen sollte aber nicht übersehen werden, dass es Urban II. in einer Krisensituation des Papsttums – mit Gegenpapst, Konflikten mit Monarchen – unter Rekurs auf Traditionsgut (wie dem Heiligen Krieg) gelang, die Kernidee eines Kreuzzuges als Gotteskrieg für ein aktuelles Objekt (wie die Befreiung der heiligen Stätten) zu konzipieren und für die Akteure mit attraktiven Vergünstigungen (etwa Sündenvergebung oder Territorialgewinne) zu verbinden. Die Verkündigung dieser Idee wurde von ihm – auch zur Durchsetzung seines Primatialanspruchs – sowie von späteren Päpsten monopolisiert und zu einem Machtinstrument geformt, das bald modifiziert und auch gegen neue Ziele wie Heiden und Ketzer eingesetzt wurde. Zwar spielten andere charismatische Führer bei der konkreten Durchführung der Züge eine wichtige Rolle, doch wurde der monopolisierte Verkündigungsanspruch der Päpste für Kreuzzüge weder in der Kirche noch „in der Welt“ je in Frage gestellt. So entstand die Vorstellung vom Kreuzzug als alleiniger Angelegenheit des Papsttums (später von Kanonisten wie Hostiensis bekräftigt), die bis in die Neuzeit beziehungsweise in die moderne historische Forschung nachwirkte.

Rezension: Prof. Dr. Dieter Berg

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Tim Weitzel
Kreuzzug als charismatische Bewegung
Päpste, Priester und Propheten (1095 – 1149)
Jan Thorbecke Verlag, Ostfildern 2019, 328 Seiten, € 45,–

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