Stefan Wolle Ost-Berlin – Alltag und Atmosphäre - wissenschaft.de
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Stefan Wolle

Ost-Berlin – Alltag und Atmosphäre

Der Historiker Stefan Wolle, Jahrgang 1950, ist der Chronist der ostdeutschen Nachkriegsgeschichte bis 1989. Seine vielen lesenswerten Bücher, allen voran „Die heile Welt der Diktatur“ (1998), sind große Publikumserfolge geworden. Wolle vereint die seltene Gabe, historische Forschung und literarische Darstellung in dichten Beschreibungen zusammenbringen zu können. Daher sind seine Bücher immer auch Reportagen, die uns viel über Mentalitäten, Lebensgefühle, Alltag und Alltägliches vermitteln, die ein buchstäbliches Eintauchen in das Vergangene ermöglichen.

Die darstellerische Methode des Autors lebt dabei von einer Mischung aus Quellenforschung, literarischen Langzitaten und persönlichen Erlebnissen. All das trifft auch auf sein neuestes Buch „Ost-Berlin“ zu. Es vereint all die geschilderten Vorzüge. Wer die Ost-Berliner Atmosphäre nachempfinden will, wird hier bestens bedient.

Allerdings geht das zuweilen zulasten historischer Genauigkeit. Zudem ist das Buch auch keine Biographie Ost-Berlins, die den vielfältigen Facetten der Halbstadt nachspürt. Vieles, was eine Großstadt ausmacht, wird nicht angesprochen. Es dominieren das Kulturleben und die politische Geschichte, aber auch die nur oberflächlich.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Wolle geht zwar auf die Volkskammerwahlen vom 18. März 1990 ein, ohne allerdings auch nur die Wahlergebnisse von Ost-Berlin zu erwähnen, die sich deutlich von denen im Rest des untergehenden Landes unterschieden. Allein anhand dieser „Episode“ hätten sich viele der Eigenheiten Ost-Berlins erzählen lassen.

Auch die besondere Beziehungsgeschichte zu West-Berlin kommt deutlich zu knapp vor. Das Aufstandsgeschehen vom 17. Juni 1953 schildert Wolle ausführlich, das allmähliche, aber nie restlose Verschwinden Ost-Berlins seit 1990 ist ihm keine Silbe wert.

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Das Buch ist all jenen sehr zu empfehlen, die Geschichtsschreibung als ein literarisches Genusserlebnis geradezu sinnlich erfahren möchten. Da lassen Wolle und auch seine vielen,
klug in den Text komponierten Langzitate keine Wünsche offen. Wer an einer exakten, auch die Sozialgeschichte hinreichend berücksichtigenden Darstellung interessiert ist und wer eine umfassendere Ost-Berlin-Geschichte sucht, wird hier jedoch nur ansatzweise fündig.

Rezension: Ilko-Sascha Kowalczuk

Stefan Wolle
Ost-Berlin
Biografie einer Hauptstadt
Ch. Links Verlag, Berlin 2020, 272 Seiten, € 25,–

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