Becher, Matthias Otto der Große – Kaiser und Reich - wissenschaft.de
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Becher, Matthias

Otto der Große – Kaiser und Reich

Zum 1100. Jahrestag der Geburt und dem 1050. der Kaiserkrönung war sie wohl unvermeidlich: eine neue Biographie des einzigen Kaisers des Mittelalters neben Karl, dem Zeitgenossen wie Nachwelt den Beinamen „der Große“ zubilligten. Diese Auszeichnung gründete lange Zeit auf der Einschätzung, Otto I. habe dem „Deutschen Reich“ Glanz, Größe und Macht gegeben und so die Rolle der Deutschen als „Vormacht“ in Europa, ja ihre „Weltgeltung“ begründet. Der übersteigerte Nationalismus der Deutschen speiste sich auch aus diesem Geschichtsbewusstsein und hatte desaströse Folgen. Es dauerte jedoch bis in die 1980er Jahre, ehe die Forschung ihre Perspektive auf Otto I. nachhaltig veränderte, dabei seinen Vorgängern und den vielen Gegnern mehr Gerechtigkeit widerfahren ließ, vor allem aber die Funktionsweisen von Herrschaft im 10. Jahrhundert anders darstellte und bewertete, als es die traditionelle Verfassungsgeschichte getan hatte. Adel und Kirche wurden nicht mehr als „treue Helfer“ eines mächtigen Königs dargestellt, sondern als dessen Partner, die vielfältigen Einfluss auf Entscheidungen nahmen und die königliche Politik auf ihre Werte und Interessen verpflichteten.

Matthias Becher, MittelalterHistoriker an der Universität Bonn, war an dieser Neubewertung beteiligt und kennt die einschlägigen Akzente genau. In seiner Darstellung finden sie sich allerdings kaum wieder, dagegen eine bis ins Detail gehende Erzählung der Ereignisse. Selbst im allzu knappen, nur 18 Seiten umfassenden systematischen Versuch, „Herrschaft und Gesellschaft“ der Zeit zu beschreiben, ist zur guten Hälfte von den Arbeitsbedingungen der Bauern und wenig von denen des Königs die Rede. Bechers Erzählungen aber setzen wirkliche oder vermeintliche Gegner Ottos wieder ins Unrecht, weil sie die Rahmenbedingungen von Herrschaft mittels der veralteten Vorstellung vom „Personenverbandsstaat“ darstellen, statt neuere Perspektiven zu verfolgen, etwa die Rolle von Vermittlern in Konflikten, die Bedeutung von Ehrverletzungen oder die Aussagekraft von rituell-symbolischem Verhalten.

Auch Bechers Fazit („Otto ‚der Große‘?“) bleibt merkwürdig eindimensional auf den König und Kaiser fokussiert und bietet nebeneinander Wertungen wie: „Historische Leistungen lassen sich nur aus der je eigenen Zeit einer handelnden Person beurteilen“ und „Die Zeitgenossen darf man also nicht zu Rate ziehen, wenn man die Frage nach der Bedeutung eines Herrschers stellt“. Den Ansprüchen an eine Herrscherbiographie auf dem modernen Forschungsstand wird dieses Buch jedenfalls nur sehr partiell gerecht.

Rezension: Prof. Dr. Gerd Althoff

Becher, Matthias
Otto der Große – Kaiser und Reich
Verlag C.H. Beck, München 2012, 332 Seiten, Buchpreis € 24,95
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