Ehlers, Joachim Otto von Freising – Ein Intellektueller im Mittelalter. Biographie. - wissenschaft.de
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Ehlers, Joachim

Otto von Freising – Ein Intellektueller im Mittelalter. Biographie.

Der Babenberger Otto, Bischof von Freising (um 1112/13 – 22. September 1158), zählt gewiss nicht zu den unbekannten Autoren des hohen Mittelalters. Zahlreiche Arbeiten über ihn sind erschienen. Kann man noch Neues über ihn herausfinden? Ja! Und zwar in einer geradezu mitreißenden Darstellung. Natürlich geht es um die beiden Hauptwerke Ottos, die „Histo‧ria“ und die „Gesta Friderici“, beides Quellenwerke der höchsten Kategorie. Aber diese Quellen werden nicht textimmanent, sondern über die Person des Verfassers, also über Otto selbst, erschlossen.

1126 begab sich der 13- oder 14-Jährige zum Studium nach Paris. Was ihn dort erwartete, der neue Aufbruch der Gelehrten, die Diskussionen um die Bedeutung der Vernunft für die Gotteserkenntnis, die daraus erwachsende Überzeugung einer neuen, überlegenen Wissenschaftskultur – das alles wirkte nun sechs Jahre lang auf den heranwachsenden Otto ein und prägte ihn zutiefst.

Seine wichtigsten Lehrer wurden Hugo von St. Viktor und Gilbert von Poitiers, die Otto zeitlebens verehrte. Aber auch die anderen Magister und Gelehrten, die in diesen Jahren das geistige Klima von Paris prägten, werden kenntnisreich vorgestellt, so dass auch die heftigen Spannungen und Kontroversen, in welche der junge Mann aus dem Osten des Reichs geriet, deutlich werden.Nur aus dieser Situation heraus, so wird von Joachim Ehlers überzeugend dargelegt, kann der dann folgende Eintritt Ottos 1132 in das Kloster Morimond und damit in den damals modernen Zisterzienser-Orden erklärt werden. Das war keine spontane Entscheidung. Vielmehr war sie längst durch das Ringen um den richtigen Weg zur Erkenntnis der Wahrheit und damit zur Erkenntnis Gottes vorbereitet. Als er 1138 die Bischofs‧würde von Freising übernahm, steigerte sich die innere Zerrissenheit, die aus dem Gegensatz von weltlichen Aufgaben und seinen spirituellen Sehnsüchten resultierte. Exakt damit kann auch die Zielsetzung seiner beiden großen Werke beschrieben werden: Die „Historia“ sei „ein einziger Aufruf zur Weltverachtung“, schreibt Ehlers.

Das ganze Elend der irdischen Welt werde an der Geschichte der Reiche bis zur Gegenwart vor Augen gestellt: „Müssen wir doch mit ansehen, wie die Kleinen von den Großen, die Schwachen von den Starken verschlungen werden und wie sich diese schließlich, wenn sie keine andere Beute mehr finden, gegenseitig zerfleischen“ („Historia“, Buch 6, Prolog). Auch in den „Gesta“, dem zweiten großen Geschichtswerk, sieht Joachim Ehlers im Grunde keine Abkehr von dieser Grundhaltung. Dort seien zwar Passagen zu finden, in denen Kaiser Friedrich II. als neuer Friedensherrscher gerühmt werde, aber ebenso schlage in den Exkursen immer wieder das Dilemma durch, in das Otto sich und die Welt gestellt sah. Otto schrieb auch jetzt keine politische Geschichte, sondern einen moralischen Aufruf.

So erscheint er am Ende als „Moralist des 12. Jahrhunderts“, der das menschliche Elend an der universalhistorischen Erzählung empirisch nachzuweisen suchte, der aber gleichzeitig die Vielfalt und den Optimismus der Frühscholastik sehr genau kannte und mit seinen Werken tastend eine eigene Position anstrebte.

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Dieses Buch bietet nicht nur ein ganz neues Bild Ottos von Freising und seiner Werke, sondern auch einen faszinierenden Einblick in eine der wichtigsten Umbruchphasen der europäischen Geschichte.

Rezension: Prof. Dr. Stefan Weinfurter

Ehlers, Joachim
Otto von Freising – Ein Intellektueller im Mittelalter. Biographie.
C. H. Beck Verlag, München 2013, 383 Seiten, Buchpreis € 29,95
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