James Q. Whitman Rassismus-Vorbild USA - wissenschaft.de
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James Q. Whitman

Rassismus-Vorbild USA

dam0618bue01.jpgJames Q. Whitman, renommierter Rechtshistoriker der Yale University, stellt in seinem lesenswerten Buch die These auf, dass der Rassismus, der den amerikanischen Einwanderungsgesetzen zugrunde liege, einen wesentlichen Einfluss auf die „Nürnberger Rassengesetze“ hatte. Detailliert führt Whitman aus, welche rassistischen Rechtsauffassungen es im Einzelnen waren, die die Nazis besonders interessierten.

Wirklich offene Arme hatte das Land nämlich nur in seiner frühen Expansionsphase bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Dann begannen Einschränkungen in Kraft zu treten, zunächst für Asiaten, später, mit der restriktiven Gesetzgebung von 1924, für viele andere Gruppen.

Doch die US-amerikanische Einwanderungspolitik ist nur ein Feld, auf dem Whitman Inspirationen für die nationalsozialistische Ideologie sieht. Der Schwerpunkt seiner Anklage gegen die USA liegt auf der Rassentrennung im amerikanischen Süden und der Rassendiskriminierung überall im Land. Der Autor zieht dabei Vergleiche, die befremden: „In den frühen 1930er Jahren wurden die deutschen Juden verfolgt, verprügelt und mitunter ermordet, vom Mob genauso wie vom Staat. Zur gleichen Zeit wurden auch die Schwarzen in den Südstaaten der USA verfolgt, verprügelt und mitunter ermordet.“

Kein deutscher Autor würde eine solche Parallele ziehen – Vorwürfe als „Aufrechner“, „Re-lativierer“ oder Schlimmeres würden umgehend erfolgen. Whitman erkennt dies an: „Niemand möchte in den Verdacht geraten, NS-Verbrechen zu relativieren. Insbesondere die Deutschen sind … verständlicherweise zurückhaltend, sich an Diskussionen zu beteiligen, denen der Geruch des Apologetischen anhaften könnte …“ Whitman dagegen legt die Finger auf viele Wunden der amerikanischen Geschichte. Die, wie er es nennt, „Staatsbürgerschaft zweiter Klasse“ für Afroamerikaner und indigene Völker ist unzweifelhaft ein Makel der Weltmacht bis heute.

Doch die Wahrnehmung und Beweisführung Whitmans ist selektiv, vor allem, wenn es um Äußerungen von hohen Nazis geht. So meint Whitman, in „Mein Kampf“ habe Hitler die rassische „Ordnung“ in den USA gepriesen. Andere Facetten von Hitlers Amerika-Bild blendet Whitman dagegen weitgehend aus. Denn Hitler sah die USA seit dem Bürgerkrieg (bei dem für ihn die Südstaaten hätten gewinnen sollen) als eine dem Verfall preisgegebene Nation, die von „korrupten“ Kaufleuten regiert werde. Deren Dekadenz manifestiere sich unter anderem in dem verabscheuungswürdigen„Nigger-Jazz“.

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Auf der anderen Seite entpuppt sich ein Text auf einer im Buch abgebildeten Seite einer deutschen Zeitschrift über das Leben in Harlem als keineswegs so rassistisch, wie man es von einer Nazi-Publikation erwarten würde. Er lautet: Dort, am „Sitz von zahlreichen schwarzen Ärzten, Rechtsanwälten, Geistlichen, Schriftstellern … ist eine neue, schwarze Kultur im Entstehen.“ Undenkbar, dass 1936 so über eine jüdische Gemeinde geschrieben worden wäre.

Whitmans Buch ist verdienstvoll, aber nicht frei von ideologischen Scheuklappen – etwa wenn er Spuren des „Blutrichters“ Roland Freisler „bis heute in der Politik der amerikanischen Strafjustiz“ sehen will. Das Buch steht geradezu exemplarisch für das bei den liberalen, intellektuellen Eliten der USA gepflegte „America-bashing“ – welches seinen Teil dazu beitrug, dass sich die eher bildungsfernen Schichten einem gänzlich von dieser Elite verschiedenen Donald Trump zuwandten. Dessen Rassismus wurde wiederum einmal mehr deutlich, als er in Anwesenheit des norwegischen Ministerpräsidenten beklagte, zu wenige Immigranten in die USA kämen dieser Tage aus der skandinavischen Nation, zu viele hingegen aus „shithole countries“ in Afrika und der Karibik (weswegen Norweger ihr mit einem exzellenten Sozial- und Gesundheitssystem versehenes, von Schulmassakern und Schusswaffenwahn freies Land mit den USA tauschen sollten, das fragte der norwegische Premier höflicherweise nicht).

Rezension: Ronald D. Gerste

James Q. Whitman
Hitlers amerikanisches Vorbild
Wie die USA die Rassengesetze der Nazis inspirierten
Verlag C. H. Beck, München 2018, 249 Seiten, € 26,95

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