Johannes Preiser-Kapeller Reise durch die Welt großer Imperien - wissenschaft.de
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Johannes Preiser-Kapeller

Reise durch die Welt großer Imperien

dam0718bue03.jpgVerflechtungsgeschichte hat in den historischen Wissenschaften Konjunktur. In Mode ist auch das Denken über Epochengrenzen hinweg. Beides kombiniert der Wiener Byzantinist Johannes Preiser-Kapeller in einem Buch, das auf knapp 300 Seiten eine wahrhaft atemberaubende Reise durch die Welt der großen Imperien antritt – grob lokalisiert zwischen zwei Großen, nämlich Konstantin und Karl. Die Arena hätte sich ausgreifender nicht wählen lassen: „Afro-Eurasien“ ist für den Autor ein Kosmos enger Verflechtung, Vernetzung und gegenseitiger Abhängigkeit.

Preiser-Kapeller beginnt seine intellektuelle Reise durch die Jahrhunderte und Kontinente mit Kanalbauprojekten, die in verblüffender relativer Gleichzeitigkeit in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts die Herrscher von vier Weltreichen ins Werk setzten: Karl der Große im Frankenreich; Konstantin V. in Konstantinopel; al-Mansur im Abbasiden-Kalifat von Bagdad und der chinesische Spitzenbeamte Wie Jian. Kanäle sind ein gut gewähltes Beispiel für den imperialen Herrschaftsanspruch der Großmächte: Sie verbinden zuvor Unverbundenes und sind zugleich als ressourcenintensive Großprojekte Wahrzeichen der Zivilisation, als deren Vorkämpfer und Hüter sich Imperien sehen.

Das Auf und Ab von Imperien schlägt dann tatsächlich der Ereignisgeschichte den Takt, von den Achaimeniden und Alexander über Rom und die Eruptionen des 3. Jahrhunderts bis zu den „neuen“ Imperien der „langen Spätantike“, vom Westen bis nach China. Diese hätten dann ihrerseits in einer abermaligen Umbruchperiode im 9. Jahrhundert neuen Mächten Platz gemacht. Mit markanten Strichen zeichnet der Verfasser ein großformatiges Bild, das die regionalen Entwicklungen zueinander in Beziehung setzt, aber auch zufälligen Faktoren wie ökologischen Schwankungen gerecht wird.

Ist das Imperien-Kapitel gewissermaßen die Exposition, dann sind die folgenden Abschnitte des Buchs die Durchführung, die auslotet, wie und über wen Kontakte über große Entfernungen vermittelt wurden. Preiser-Kapeller macht als Bindeglieder die politischen Eliten der Imperien, die Religionen und die Diaspora-Gemeinschaften aus, aber auch Handelsgüter, Pflanzen und Tiere sowie nicht zuletzt Krankheitserreger, die der Mobilität ihrer Wirte folgten. Schließlich erörtert er die Zusammenhänge zwischen Klima, Ökologie, Demographie und Urbanisierung und bemerkt, die „Wechselwirkungen zwischen Hoch- und Tiefdruckgebieten“ hätten einen „Rahmen globaler Verflechtung“ geboten, der von den Akteuren nicht zu beeinflussen gewesen sei.

Preiser-Kapeller hat eine fulminante Globalgeschichte der „langen Spätantike“ vorgelegt, die stilistisch nicht ganz an Peter Frankopans ähnlich zugeschnittenen Band „Licht aus dem Osten“ heranreicht, das Konkurrenzwerk aber an Klarheit, Sachkenntnis und argumentativer Stringenz bei weitem übertrifft. Wer sich auf eine transepochale Entdeckungsreise quer durch den eurasischen Großkontinent begeben will, hat in diesem Buch den idealen Begleiter.

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Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer

Johannes Preiser-Kapeller
Jenseits von Rom und Karl dem Großen
Aspekte der globalen Verflechtung in der langen Spätantike, 300 – 800 n. Chr.
Mandelbaum Verlag, Wien 2018, 200 Seiten, € 19,90

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