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Messbarger. Rebecca

Signora Anna, Anatomin der Aufklärung – Eine Kulturgeschichte aus Bologna

Wachs ist ein besonderer Stoff: weich, porös, glänzend, form- und färbbar. Von jeher bewährte es sich als plastisches Medium für Dinge aller Art, insbesondere auch für die Darstellung des menschlichen Körpers – außen wie innen. Eine regelrechte anatomische Wachsmodellkunst blühte im 18. Jahrhundert in Bologna und Florenz. Unter den Prämissen der Aufklärung sollte dort anatomisches Wissen All‧gemeingut werden. Mehr noch, das Sezieren frischer Leichname, das den Sinnen nur ein mäßiges Vergnügen bot, sollte durch den Aufbau ganzer anatomischer Wachsmodellsammlungen überflüssig gemacht werden. Mitten in dieser dynamischen Entwicklung einer „Anatomia plastica“ agierte eine Frau, die bislang von der einschlägigen Forschung kaum beachtet wurde: Anna Morandi. Die US-amerikanische Kulturhistorikerin Rebecca Messbarger würdigt jetzt das faszinierende Lebenswerk dieser Anatomin und Wachsplastikerin in einer quellenreichen und spannend geschriebenen Studie.

Anna Morandi, 1714 in Bo‧logna geboren, stammte aus ein‧fachen Verhältnissen. Mit 26 Jahren heiratete sie den Künstler, anatomischen Autodidakten und talentierten Wachsbildner Giovanni Manzolini. Durch ihn in die anatomische Wachsbildnerei eingeführt, unterstützte sie ihren Mann zunächst bei der Umsetzung eines ambitionierten Projekts: Papst Benedikt XIV. hatte 1742 in seiner Heimatstadt Bologna den Aufbau eines anatomischen Wachsmodellmuseums initiiert. Im Istituto delle Scienze, einem öffentlich zugänglichen Schaufenster der Wissenschaften, sollte der angesehene Wachsbildner Ercole Lelli das Vorhaben verantwortlich umsetzen.

Eine dreijährige Zusammenarbeit zwischen Lelli und Manzolini endete 1746 im Streit. Manzolini und sein Frau eröffneten daraufhin eine eigene private anatomische Modellierwerkstatt. Mit dem Schritt ins Private begann die große Zeit der Anna Morandi. Bis zu ihrem Tod 1774 schuf sie, nach dem Verlust ihres Mannes 1755 auf sich allein gestellt, einzigartige Modelle des menschlichen Körpers: Arme und Beine, Herz und Lunge, Augen und Ohren, Darstellungen des Ungeborenen und männlicher Fortpflanzungsorgane. Zahlreiche Sektionen von Leichnamen aus einem nahegelegenen Bologneser Krankenhaus gingen den aufwendigen Abformungen und Modellierungen voraus. Ihre Motive fand sie in den besten anatomischen Atlanten ihrer Zeit. Sie kooperierte mit angesehenen Ärzten ihrer Zeit, verkaufte ihre Modelle und begann damit, in ihrem eigenen Studio Anatomie zu unterrichten.

Morandis Ruf drang weit über die Grenzen Bolognas hinaus. Um sie in der Stadt zu halten, erhielt sie auf päpstliche Vermittlung ein Jahressalär auf Lebenszeit, freies Logis im Haus eines vermögenden Patriziers sowie einen Lehrauftrag im Istituto delle Scienze. Hände waren für Anna Morandi stets ein besonderes Thema. In ihrem grandiosen wächsernen Eigenporträt ließ sie ihre „Werkzeuge“ in beredter Weise im Erläuterungsgestus spielen und verwies damit beiläufig auf den Begründer der modernen neuzeitlichen Anatomie – Andreas Vesal.

Während sich dieser jedoch 1543 in seinem großen anatomischen Tafelwerk um den in die Tiefe präparierten Unterarm eines fremden Leichnams in Szene setzen ließ, blieb Morandi bei sich und zeigte ihre Hände als Wunderwerke des bewegten Lebens.

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Rezension: Prof. Dr. Thomas Schnalke

Messbarger. Rebecca
Signora Anna, Anatomin der Aufklärung – Eine Kulturgeschichte aus Bologna
Die Andere Bibliothek, berlin 2015, 333 Seiten, Buchpreis € 42,00
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