Segev, Tom Simon Wiesenthal – Die Biographie - wissenschaft.de
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Segev, Tom

Simon Wiesenthal – Die Biographie

Tom Segev wirft Zunfthistorikern vor, sie seien in der Regel langweilig. Er dagegen sucht die kleinen Geschichten, die am Ende zu Bausteinen einer interessanten Monographie werden. Segevs Simon Wiesenthal-Biographie ist nach diesem Maßstab ein gelungenes Unternehmen: eine spannende Geschichte, die um einen Nazi-Jäger kreist und dabei auch viele andere Geschichten erzählt.

Für den deutschen Leser geht es wahrscheinlich eher um das Thema Gerechtigkeit und kollektive Erinnerung im Prozess der Aufarbeitung der NS-Vergangenheit, für Österreicher steht vermutlich die Beziehung Wiesenthals zur österreichi-schen Politik, vor allem die zu Bruno Kreisky, und die Affäre um den FPÖ-Obmann Friedrich Peter im Mittelpunkt.

Das Buch erschien gleichzeitig auch auf Hebräisch, und in Israel steht das Buch oben auf der Bestseller-Liste. Wiesenthal wurde nämlich als Mossad-Agent entlarvt, und die Frage, wer die Entführung Eichmanns möglich machte – der Geheimdienstchef Isar Harel oder Wiesenthal –, ist noch immer brisant. Auch sind für Israelis die Kontakte zwischen dem Mufti von Jerusalem und Nazi-Deutschland wie auch der Aufenthalt von Nazis in der arabischen Welt nach 1945 bis heute relevant.

Je detaillierter Segevs Darstellung der obsessiven Arbeit Wiesenthals, desto dringlicher stellt sich die Frage: Wieso waren Israel, Amerika und Deutschland so inkonsequent, ja nachlässig in ihrer nicht nur verbalen Abrechnung mit den Nazi-Tätern? Besonders heikel präsentiert sich die Geschichte des Erfinders der Gaswagen, Walter Rauff: Er, der auch für die Errichtung der KZ-Maschinerie in Palästina im Fall seiner Eroberung durch die Nationalsozialisten vorgesehen war, wurde vom israelischen Nachrichtendienst 1949 angeworben und blieb bis zu seinem Tod 1984 unbestraft, obwohl Wiesenthal mit diesem Fall vertraut war.

Weil Wiesenthals Biographie manchmal so phantastisch zu sein scheint, nimmt es nicht wunder, dass sich Segev auch mit der Grenzüberschreitung von der Realität zur Fiktion befasst, etwa am Beispiel des Buchs bzw. Films „The Odessa Files“. Ein wichtiges, facettenreiches und vor allem spannendes Buch.

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Rezension: Prof. Dr. Moshe Zimmermann

Segev, Tom
Simon Wiesenthal – Die Biographie
Siedler Verlag, München 2010, 574 Seiten, Buchpreis € 29,95
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