Otto Ulbricht Spannende Geschichten - wissenschaft.de
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Otto Ulbricht

Spannende Geschichten

dam0120bue06_KLEIN.jpgDer Frühneuzeit-Historiker Otto Ulbricht hat ein interessantes Experiment gewagt: Statt historische Quellen zu analysieren und auszuwerten, um auf ihrer Grundlage eine Geschichte des 17. und 18. Jahrhunderts zu schreiben, zeigt er sich fasziniert von den Geschichten, die in diesen Quellen deutlich werden – Geschichten, die im Mittelpunkt seines Buchs stehen. Seine Erzählungen nennt Ulbricht „Doku-Stories“, um zu betonen, dass sie keine Fiktion darstellen, sondern in Figurenkonstellationen und Ablauf der Geschehnisse auf die Quellentexte zurückgehen.

Die oft spannenden Inhalte, die um Missbrauch oder Teufelsglauben, Erbschleicherei, Korrup-tion oder Zwangsheirat kreisen, möchte er anschaulich und für einen größeren Leserkreis erschließen. Dazu streut er sogar wörtliche Rede ein, was eher das Kennzeichen fiktionaler Texte ist. In den meisten Fällen beruhen die Dialoge jedoch ebenfalls auf den Quellen, etwa auf Gerichtsprotokollen.

Gelingt Ulbrichts Vorhaben, durch seine „Doku-Stories“ auf unterhaltsame Weise „Wissen und Einsichten über die Vergangenheit“ zu vermitteln? Da ist etwa die Verlobung einer 80-jährigen Bäuerin mit ihrem Knecht, die anschließend von dem um sein Erbe fürchtenden Neffen mit allen Mitteln hintertrieben wird: eine spannende Geschichte, die vor allem die allgegenwärtige Korruption im Justizwesen und die große Bedeutung des Standes für die Durchsetzung der eigenen Rechtsposition deutlich macht.

Schwieriger wird es für den Leser in dem Fall um den Missbrauch eines Mädchens: Ein notorisch untreuer und gewalttätiger Ehemann, der sich an einem minderjährigen Kindermädchen vergeht, wird verklagt. Die gedemütigte Ehefrau kehrt schließlich in ihr Elternhaus zurück und reicht die Scheidung ein. Das für den heutigen Leser überraschende Ende: Der Mann wird vom Vorwurf des Missbrauchs freigesprochen, seine Ehefrau aber schuldig geschieden.

Zwar wird am Ende deutlich, warum es zu diesen Urteilen kam, doch zugleich schildert Ulbricht minutiös den äußerst verwickelten, sich über viele Jahre hinziehenden Rechtsgang, bei dem auch noch die politischen Wirren zwischen Holstein-Gottorf, Dänemark und Schweden eine gewichtige Rolle spielten. Um diese komplizierte Gemengelage und deren Einfluss auf die beiden Prozesse zu verdeutlichen, hätte es mehr als das chronologische Nacherzählen der Quellen gebraucht. In diesem Fall bliebt der Leser eher verwirrt zurück. Fazit: Je komplexer der Sachverhalt, desto weniger kann auf eine einordnende Interpretation in den historischen Kontext verzichtet werden. Die aber möchte Ulbricht explizit nicht leisten.

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Rezension: Dr. Heike Talkenberger

Otto Ulbricht
Missbrauch und andere Doku-Stories aus dem 17. und 18. Jahrhundert
Böhlau Verlag, Göttingen 2019, 248 Seiten, € 25,–

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