Bitzer, Dirk/Wilting, Bernd Stürmen für Deutschland – Die Geschichte des deutschen Fußballs von 1933 bis 1954 - wissenschaft.de
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Bitzer, Dirk/Wilting, Bernd

Stürmen für Deutschland – Die Geschichte des deutschen Fußballs von 1933 bis 1954

Im Juni 1943 publizierte Otto Nerz im Berliner „12 Uhr Blatt” eine Artikelserie, die, als „Bericht über die Juden im Sport” angekündigt, den Nachweis einer angeblich jüdischen Weltherrschaft auch im kommerziellen Sport erbringen sollte. Es sind, da sie alle Stereotypen antisemitischer Hetzpropaganda enthalten, überaus radikale Texte aus der Feder des ersten deutschen Reichstrainers im Fußball: Nerz schildert „den Juden” als „Schieber hinter der Kulisse”, der mit Geld und Einfluß die wahren Werte des Sports zerstöre. Dieser Text wirkt auch deswegen so brutal, weil Nerz in der Weimarer Republik die erste Elf von Tennis Borussia Berlin coachte – denjenigen Verein also, dem stets ein hoher Anteil (assimilierter) Juden nachgesagt wurde. Auf jeden Fall gehört dieser Sachzusammenhang in jede Darstellung über den deutschen Fußball im Nationalsozialismus. Das Buch „Stürmen für Deutschland” von Dirk Bitzer und Bernd Wilting verzichtet darauf. Warum? Weil die Autoren die an sich schmale Forschungslage zur „Geschichte des deutschen Fußballs von 1933 bis 1954”, wie der wahrlich verheißungsvolle Untertitel lautet, offenbar nicht überblicken. Jedenfalls ist der ambitionierte Katalog zur großen Oberhausener Fußballausstellung „Der Ball ist rund” nicht im Literaturverzeichnis enthalten; darin ist ein Text von Nerz abgedruckt. Auch in anderen Details äußert sich fahrlässige Recherche, so etwa im Fall des so genannten „Todesspiels” zwischen einer deutschen Flakelf und einer ukrainischen Auswahl, das 1942 in Kiew stattfand. Hier berufen sich die Autoren auf zwei Bücher, die über 20 Jahre alt sind. Die glänzende und aktuelle Darstellung des Schotten Andy Dougan darüber ist den Verfassern hingegen nicht geläufig. In seinem Buch „Defending the Honour of Kiew” entlarvt Dougan mit vielen seriösen Belegen die bisher geläufige Behauptung, die ukrainischen Fußballer seien aufgrund ihres Sieges von den Nationalsozialisten verhaftet und zum Teil getötet worden, als Geschichtsfälschung ideologisch motivierter Historiographie. Außerdem stößt man zuweilen auf sachliche Fehlleistungen. Die Olympischen Spiele 1936, heißt es einmal, „sind bereits bei der Machtübernahme fester Bestandteil von Hitlers außenpolitischer Propaganda eines friedliebenden Deutschlands”. Dabei verachteten die Nationalsozialisten den internationalistischen Impetus der olympischen Idee, und deutsche Olympiafunktionäre mußten Hitler und Goebbels erst über Propagandamöglichkeiten aufklären. Diesem Buch zur ARD-Fernsehserie fehlt leider die Substanz, und abgesehen von einigen Interviews mit Zeitzeugen bietet es wenig Neues, von Ideen hinsichtlich einer Aufarbeitung dieser an sich spannenden Facette der Sozialgeschichte ganz zu schweigen. Selbst der Titel ist ausgesprochen unoriginell, denn er wurde abgekupfert von „Stürmer für Hitler”, einer Publikation von Gerard Fischer und Ulrich Lindner von 1999. Die reichlich vorhandenen Desiderate der deutschen Fußballgeschichte kann der Band jedenfalls nicht beheben.

Rezension: Eggers, Erik

Bitzer, Dirk/Wilting, Bernd
Stürmen für Deutschland – Die Geschichte des deutschen Fußballs von 1933 bis 1954
Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2003, 253 Seiten, Buchpreis € 21,50
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