Rebenich, Stefan Theodor Mommsen – Eine Biographie - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Rebenich, Stefan

Theodor Mommsen – Eine Biographie

Der Jurist, Historiker, Wissenschaftsorganisator und liberale Bürger Theodor Mommsen erhielt 1902 den Literatur-Nobelpreis für seine 45 Jahre zuvor erschienene Römische Geschichte und starb hochbetagt 1903. Unabhängig von dem doppelten Jubiläum in diesen Tagen war es Zeit für eine neue, thematisch umfassendere Biographie, als es die immer noch höchst lesenswerte Studie von Alfred Heuss aus dem Jahr 1996 sein konnte (Siehe DAMALS 2-97, S. 49-50). Stefan Rebenich, Althistoriker und einer der besten Mommsen-Kenner unserer Zeit, hat diese Aufgabe glänzend gelöst. Ohne sich in den Stoffmassen zu verirren, entfaltet er in einer klugen Mischung aus chronologischer und systematischer Darstellung die vielen Facetten eines Gelehrten, auf dessen Schultern die wissenschaftliche Erforschung der römischen Geschichte noch heute ruht. Dabei gelingen immer wieder eindrucksvolle Vignetten sozial- und kulturgeschichtlicher Grundphänomene des 19. Jahrhunderts: Das materiell bescheidene, bildungsbesessene evangelische Pfarrhaus gewinnt ebenso Kontur wie der Sozialtyp des Privatdozenten, der keine Familie gründet, bevor nicht die berufliche Existenz gesichert ist, oder der Professorenhaushalt als bürgerlicher Oikos mit seiner Rollenverteilung. Mommsens literarische und wissenschaftliche Hauptwerke, die Römische Geschichte, das Römische Staatsrecht und das Römische Strafrecht, sind in der bisherigen Literatur ausgiebig gewürdigt worden, weswegen sich Rebenich hier knapp faßt. Sein legitimes Hauptinteresse gilt der von Mommsen eingeleiteten und vorangetriebenen Revolution des Wissenschaftsbetriebes, der zur staatlich alimentierten, generalstabsmäßig geplanten und mit Kohorten fleißiger Helfer in Gang gehaltenen Großforschung wurde und mit monumentalen Editionsprojekten die „Archive der Vergangenheit zu ordnen“ unternahm. Rebenich verschweigt problematische Züge nicht, etwa daß Mommsen der akademischen Lehre keine Aufmerksamkeit schenkte und daß seine begabten Schüler vielfach auf Forschungsgebiete auswichen, die der herrische Meister nicht beackerte. Vor allem aber benennt er klar die beinahe tragische Dialektik der für die antike Geschichte unlöslich mit Mommsen verbundenen Professionalisierung der wissenschaftlichen Forschung. Mommsen, der für sich selbst immer ein klares Bild des Ganzen hatte, stellte nie die Frage, wie sich die immer höheren Türme von immer fragmentierterem Spezialwissens mit der Lebenswirklichkeit und ihren legitimen Fragen an die Vergangenheit vertragen können. Er glaubte an den Fortschritt und die Objektivität der Wissenschaft, die ihr Ziel im kleinteiligen Alltag fand und alles gleich wichtig nehmen mußte. Da der Versuch der Aktualisierung des Altertums durch seine vollständige Historisierung aber einen geschichtstheoretisch unlösbaren Widerspruch enthielt, „hatte Mommsen entscheidenden Anteil an einer Entwicklung, die die Antike als Ideal zerstörte“. Rebenich beläßt es jedoch nicht dabei, die Widersprüche der gewiß notwendigen und unumkehrbaren Entwicklung der Geschichte zur Wissenschaft aufzuzeigen, sondern er würdigt abschließend auch Mommsens politisches Engagement, so erratisch und voller blinder Flecke (etwa gegen Katholiken) dieses auch gewiß war. Der Liberale aus Schleswig-Holstein glaubte an die politische Verantwortung des Intellektuellen. Zivilcourage als erste Bürgerpflicht – ein Gedanke, der Mommsen seinen selbstzufriedenen wissenschaftlichen Enkeln zu entreißen vermag und ihn jenem breiten, heute indes gleichfalls imaginären Publikum zurückgibt, das vor 150 Jahren mit angehaltenem Atem die Römische Geschichte las.

Rezension: Walter, Uwe

Rebenich, Stefan
Theodor Mommsen – Eine Biographie
Verlag C. H. Beck, München 2002, 272 Seiten, Buchpreis € 26,90
Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

tar|dan|do  〈Mus.〉 zögernd (zu spielen) [ital.; zu tardare ... mehr

Ep|a|go|ge  〈f. 19; Philos.〉 = Induktion (1) [zu grch. epagein ... mehr

Vox prin|ci|pa|lis  〈[vks –] f.; – –; unz.; Mus.〉 = Prinzipal (II) [lat., ”die erste, wichtigste Stimme“]

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige