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Stephan Reinhardt

Umstrittener Revolutionär

dam0121bue08.jpgAn Georg Herwegh scheiden sich die Geister. Als Lyriker, Kritiker, Übersetzer und politischer Publizist vom Vormärz bis zur Gründung des deutschen Kaiserreichs tätig, war er einer der bedeutendsten und populärsten politischen Dichter seiner Zeit, der eng mit der deutschen Arbeiterbewegung verbunden war. Einen großen Teil seines Lebens verbrachte der gebürtige Stuttgarter in der Emigration in Paris und in der Schweiz, da er aufgrund seiner Unangepasstheit und seiner oppositionellen politischen Gesinnung verfolgt wurde. Er wurde zu einem der führenden Repräsentanten der deutschen Emigranten, welche die revolutionären Bestrebungen in Deutschland publizistisch unterstützten.

Sein extravaganter Lebensstil, seine Verschwendungssucht und sein Aktionismus, der im April 1848 zur Niederlage der von ihm geführten „Deutschen Demokratischen Legion“ führte, machten ihn zum Gegenstand gehässiger Angriffe. Doch auch bei Weggefährten waren die Urteile gespalten. Sprach Heinrich Heine anerkennend von der „eisernen Lerche“, so war Herwegh für Karl Gutzkow ein „Schwarmgeist“ und für Friedrich Theodor Vischer ein „Pathetiker“.

Reinhardt widmet sich seinem Protagonisten mit großer Sympathie. Er schildert sein bewegtes Leben chronologisch entlang den wechselnden Wirkungsstätten, wobei die Zeitgenossen und Freunde ebenso beschrieben werden wie die großen politischen Bewegungen und Theorien, die Herwegh beeinflusst haben. Dieser verkehrte mit bedeutenden Schriftstellern, Philosophen, Publizisten, Politikern, Wissenschaftlern und Künstlern.

Der Verfasser entfaltet ein eindrucksvolles Zeitpanorama, das weit über die Biographie Herweghs hinausreicht und vielfältige interessante Einsichten vermittelt. Die ausführlichen Darstellungen haben allerdings auch Längen und weisen gelegentlich Wiederholungen auf. Reinhardt geht es um eine Ehrenrettung Herweghs und das Aufzeigen seiner politischen Aktualität, was allerdings nicht immer überzeugt, wenn etwa der französische Kaiser Napoleon III. mit Donald Trump verglichen wird.

Vorsicht ist aber vor allem bei den geschilderten Fakten und historischen Einordnungen geboten. So war etwa die katholische Kirche keine Drahtzieherin des „Züriputsches“ von 1839, die Offenburger Versammlung forderte 1847 noch keine Republik, und nicht Friedrich Hecker und Karl Mathy beriefen die Mannheimer Versammlung ein, die am 27. Februar 1848 die Revolution in Baden auslöste, sondern Heinrich Hoff und Gustav Struve. Außerdem war Bischof Ketteler kein „48er Demokrat“, und die deutsche Fortschrittspartei des Jahres 1861 ist gewiss nicht als „neoliberal“ zu bezeichnen.

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Zu den Stärken des Buchs gehört dagegen, dass der Verfasser aus einem reichen Fundus zeitgenössischer Briefe und Lebenszeugnisse schöpft und Herwegh selbst an geeigneten Stellen zu Wort kommen lässt. Zu Recht erinnert Reinhardt an einen bedeutenden politischen Dichter, der wie wenige andere gegen das „Kriegsidiotentum“ seiner Zeit aufgetreten ist und ein früher Anhänger einer europäischen Verständigung war.

Rezension: Prof. Dr. Michael Wettengel

Stephan Reinhardt
Georg Herwegh
Eine Biographie. Seine Zeit – unsere Geschichte
Wallstein Verlag, Göttingen 2020, 636 Seiten, € 39,90.

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