Krieger, Wolfgang (Hrsg.) Und keine Schlacht bei Marathon – Große Ereignisse und Mythen der Europäischen Geschichte - wissenschaft.de
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Krieger, Wolfgang (Hrsg.)

Und keine Schlacht bei Marathon – Große Ereignisse und Mythen der Europäischen Geschichte

Marathon, das sei der „Geburtsschrei Europas“ gewesen, so urteilte der amerikanische Historiker John Fuller über das Gefecht im September 490 v. Chr. zwischen einem HoplitenAufgebot aus Athen und Plataiai sowie einem persischen Expeditionskorps. Aus diesem Kampf wurde ein Mythos geformt, der eine gemeinschaft-stiftende Geschichte für das moderne Europa schuf.

Schon in der Antike war Marathon als ein griechischer Erinnerungsort konstruiert worden. Durch die Einrichtung von Gedenkritualen war die Schlacht in das kulturelle Gedächtnis eingetragen und als Argument für politische Hegemonialansprüche instrumentalisiert worden. Die Bedeutung der Schlacht von Marathon erscheint so als Ergebnis einer gemeinschaftstiftenden Vergangenheitskonstruktion.

Marathon ist das erste einer Reihe von Beispielen, mit denen der von Wolfgang Krieger herausgegebene Band einen Überblick über einige Schlaglichter europäischer Mythenkonstruktionen geben will. Neben Marathon erscheinen Stichworte wie der Rubicon, der Friedensschluß zwischen Barbarossa und dem Papst, Jeanne d’Arc, Martin Luthers Thesenanschlag, der Beginn der Französischen Revolution oder das Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944.

Schon die Auswahl der Ereignisse erscheint überaus willkürlich, denn einige der besprochenen Ereignisse besitzen für Europa oder einzelne Nationen sehr große, manche hingegen überhaupt keine mythische, das heißt gemeinschaftstiftende Wirkung. Zu nennen wären hier etwa der Bußakt von Mailand (390) oder die Währungskrisen der Zwischenkriegszeit. Durch den Titel des Buchs wird eine präzise Differenzierung zwischen den Begriffen „Mythos“ und „Legende“ verwischt, denn eigentlich geht es in dem Band um die Dekonstruktion von Legenden.

Das wäre schon interessant genug und hätte die Etikettenverwechslung nicht nötig. Allerdings ist in einigen Beiträgen die Überzeugung spürbar, einen tatsächlichen Hergang der Geschichte aus den legendären Konstruktionen herauslösen zu können. Dies erweckt Mißtrauen, sind es doch die Historiker, die im Bann ihrer eigenen Zeit Geschichtsereignissen immer wieder neue Erklärungsmuster zuweisen. Gerade diesen Vorgang als hi-storischen Prozeß zu beschreiben ist in dem Buch nur an wenigen Stellen gelungen. In einem Buch über Mythen und Legenden hätte man außerdem gern mehr erfahren über die Hintergründe der Herausbildung und die Instrumentalisierungen von Legenden, die den Mythisierungen zugrunde liegen können.

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Rezension: Rader, Olaf B.

Krieger, Wolfgang (Hrsg.)
Und keine Schlacht bei Marathon – Große Ereignisse und Mythen der Europäischen Geschichte
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2005, 361 Seiten, Buchpreis € 25,00
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