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Philippe Monnier

Venedig im Zerrspiegel

dam0122bue07.jpgIm Jahr 1907 publizierte der Genfer Literat Philippe Monnier sein Buch „Venise au XVIII siècle“, das 1927 erstmals in deutscher Übersetzung erschien. Der Autor hatte bei seinen Recherchen Berge an Literatur gewälzt, wie er im Vorspann der Bibliographie betont. Am Fleiß Monniers besteht mithin nicht der geringste Zweifel.

Leider standen jedoch seine Fähigkeiten zu historischer Quellenkritik sowie zur dichterischen Gestaltung seines Stoffs dazu in keinem Verhältnis. So wird referiert, was sich eben an Nachrichten findet. Etwa gleich zu Beginn: Die Atmosphäre Venedigs sei im 18. Jahrhundert geprägt gewesen von „einer schrecklichen Regierung mit den unheimlichen Giften und den fürchterlichen Bleikammern“, es sei „die eifersüchtige Republik, wo die Wände Ohren haben und die Schlüssellöcher Augen. Spione tragen die Soutane des Abbés und den langen Rock des Tänzers; Schatten horchen in der Nacht; Säcke werden in tiefer Finsternis in den Kanal versenkt.“

Aus dem einstmals in ganz Europa gerühmten Hort der Freiheit hatte sich also ein prätotalitärer Polizei- und Spitzelstaat entwickelt, dessen Einwohner und Gäste in Angst und Schrecken lebten. Glücklicherweise tat jedoch dieser Umstand einer heiteren Grundstimmung keinen Abbruch: „Man lacht. Man lacht trotz alledem.“ Und nicht nur das! Venedig ist die Stadt der Vergnügungen, Treffpunkt der Libertins aus ganz Europa, moralfrei, sittenlos und schönheitstrunken. Man wird sagen müssen: ein etwas überraschender Sachverhalt in einem Überwachungsstaat!

Das Buch ist in hohem Maß aufschlussreich für die Stimmung jener Intellektuellenkreise in Europa am Vorabend des Ersten Weltkriegs, die, nach einem Wort von Monniers Wiener Schriftstellerkollegen Raoul Auernheimer, das Gefühl hatten, „auf Abbruch zu leben“. Eine Gesellschaft, der die Werte und Konventionen des bürgerlichen Zeitalters zunehmend fragwürdig erschienen, suchte nach historischen Vorbildern für ihre Situation und fand sie mit besonderer Begeisterung im Florenz der Renaissance oder im Venedig des 18. Jahrhunderts. Die große Vergangenheit wurde zur Projektionsfläche für Klischees aller Art: „Wenn man Venedig unter dem Gesichtspunkt der Sittlichkeit betrachtet, so tut sich ein Pfuhl des Lasters auf … Die Seele ist aufgeschwollen und in vollständiger Auflösung. Die gelöste Moral ist nichts weiter als ein mit Jauche bedeckter Brei.“

Der rhetorische Aufwand, mit dem Monniers Buch aufwartet, ist gewaltig; der Erkenntnisgewinn gleich null. Was keineswegs an der literarischen Gattung liegt. Gelungene Dichtung bietet ja oft historische Erkenntnisse von höchster Intensität und Anschau-lichkeit, wie jeder Leser etwa von Thomas Manns „Buddenbrooks“ oder Alessandro Manzonis „Verlobten“ weiß. Aber dazu bedarf es eben dichterischer Intuition und Gestaltungskraft. Monnier jedoch verfügte lediglich über die handwerklichen Kunstgriffe des rhetorischen Feuerwerks.

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Rezension: PD. Dr. Arne Karsten

Philippe Monnier
Venedig im 18. Jahrhundert
Die Andere Bibliothek, Berlin 2021, 300 Seiten, € 44,–

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