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Kyle Harper

Viren, Vulkane, Katastrophen

Auch wer die alte Frage nach den Ursachen für den Untergang des Römischen Reiches für falsch gestellt hält, wird aus der Lektüre von Kyle Harpers Buch großen Gewinn ziehen. In die bekannten Faktoren des krisenhaften Wandels seit dem ausgehenden 2. Jahrhundert, die da wären: innere und äußere Kriege, Bedrohung der Grenzen, Versagen der Zentralgewalt, Militarisierung, Steuerdruck, Münzverschlechterung und viele andere, webt er Prozesse ein, die erst durch verblüffende Fortschritte in naturwissenschaftlichen Untersuchungsmethoden aufgedeckt werden konnten.

Sein Fazit: Roms Schicksal wurde nicht nur von Kaisern und Barbaren, Senatoren und Heermeistern, Soldaten und Sklaven bestimmt, sondern ebenso durch Bakterien und Viren, Vulkanausbrüche und Sonnenzyklen. Selbst in den besten Zeiten des „klimatischen Optimums“ zwischen 200 v. Chr. und etwa 150 n. Chr. waren die Reichsbewohner zwar meist gut ernährt und vermehrten sich, starben aber auch ohne flächendeckende Seuchen in der Regel früh, oft an Darminfektionen oder an der Malaria – die römische Welt war ein „durch und durch von Mikroorganismen durchsetztes Ökosystem“. Als das günstige feucht-warme Klima auslief, kamen reichsweite Pandemien, die das Gesamtgefüge erheblichem Stress aussetzten.

Lange Zeit erwies sich das Imperium jedoch als ein Apparat „mit Batterien gespeicherter Energie und Reserven“, die es in die Lage versetzten, Umwelterschütterungen auszuhalten und sich davon zu erholen. Doch der durch Klimawandel und tödliche Krankheitserreger ausgelöste, von den obengenannten Faktoren verstärkte Stress wurde am Ende zu groß, und der Umbau mutierte zum Niedergang, bevor sich das Leben auf sehr viel niedrigerem Niveau in allen relevanten Bereichen wieder stabilisierte.

Erholung und Katastrophe konnten dabei durchaus nahe beieinanderliegen: So hatte Kaiser Justinian (527– 565) unter schwierigen Bedingungen und mit viel Glück den Ostteil des Reiches konsolidieren und sogar einen Teil des Westens zurückerobern können, als ein Doppelschlag den Himmel einstürzen ließ: Vulkanausbrüche machten die Jahre von 536 bis 545 zum kältesten Jahrzehnt der letzten 2000 Jahre, und anschließend tötete eine über die gute Infrastruktur des Reiches verbreitete Pest-Pandemie wohl knapp die Hälfte der Bevölkerung (mit regionalen Unterschieden). Da die „Kleine Eiszeit“ bis etwa 700 n. Chr. andauerte und auch die Pest zwei Jahrhunderte lang immer wieder aufflammte, trug das geschrumpfte und verarmte Reich danach in jeder Hinsicht ein neues Gesicht.

Mögen auch die naturwissenschaftlich gewonnenen Modelle und Erklärungen unter Experten im Detail umstritten sein, so gelingt es dem stets redlich und vorsichtig argumentierenden Autor dennoch überzeugend, die lange Spätantike in einem anderen, faszinierenden Licht erscheinen zu lassen. Unbedingt lesenswert!

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Rezension: Prof. Dr. Uwe Walter

Kyle Harper
Fatum
Das Klima und der Untergang des Römischen Reiches
Verlag C. H. Beck, München 2020, 567 Seiten, € 32,–

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