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Ignaz Lozo

Vom Antreiber zum Getriebenen

dam0721bue14.jpgDie besonders in Deutschland ungebrochene Faszination für Michail Gorbatschow nutzt Ignaz Lozo, um zu dessen 90. Geburtstag eine solide Biographie vorzulegen. Als Journalist war Lozo in Russland tätig. Seine persönlichen Erfahrungen als Zeitzeuge hat er später durch die Auswertung von Quellen und Fachliteratur erweitert, um 2014 mit einer gründlichen Studie zum Moskauer August-Putsch 1991 zu promovieren.

Das Ziel seiner Gorbatschow-Biographie sieht Lozo darin, der deutschen Leserschaft deutlich zu machen, wie aus dem „einstigen Bauernjungen aus dem Nordkaukasus … einer der größten Reformer des 20. Jahrhunderts wurde“. Während Gorbatschow als letzter Leninist im Kreml den Sozialismus und das Sowjetimperium an die Erfordernisse des 21. Jahrhunderts anpassen wollte, musste er erleben, wie er durch die in Angriff genommene Demokratisierung und die damit voranschreitenden Polarisierungsprozesse ins Kreuzfeuer reaktionärer sowie radikaldemokratischer Kräfte geriet. So wurde er seit 1989 zunehmend vom Antreiber zum Getriebenen.

Nach der detaillierten Schilderung von Gorbatschows Aufstieg durch die Institutionen des sowjetischen Parteistaats bis in den Kreml behandelt Lozo sachkundig die Politik der Perestroika, der „Glasnost“ und des „neuen Denkens“, die in Form einer „glücklichen Katastrophe“ (Karl Schlögel) sowohl zum Ende des Kalten Kriegs als auch zur Implo-sion der Sowjetunion führte. Lozos abwägende Analyse erweist sich als fundiert und gut lesbar. Sie hinterfragt die unterschiedlichen populären Legenden, die in aktuellen Debatten immer wieder ins Feld geführt werden. Dies betrifft etwa die Mär, der Westen habe dem Kreml 1990 versprochen, NATO und EU nicht nach Osten zu erweitern.

Die neue Biographie erläutert Gorbatschows selbstbewusste Entschlossenheit und seine Errungenschaften, aber auch sein fatales Zögern und Scheitern. Bei seinen Ausführungen bezieht sich Lozo vor allem auf Interviews, die er mit Gorbatschow und anderen politischen Akteuren und Akteurinnen der Zeit geführt hat, sowie auf seine journalistischen Beiträge. Die internationale Forschungsliteratur nimmt er nur selektiv zur Kenntnis und versäumt es damit, aktuell vieldiskutierte Fragen zu thematisieren und allgemeinere Interpretationen zum Zerfall des Sowjetimperiums zu präsentieren. Abzuwarten bleibt, ob sich Lozos Werk neben den beiden schon in Deutsch vorliegenden Gorbatschow-Biographien von György Dalos (C. H. Beck, 2011) und William Taubman (C. H. Beck, 2018) behaupten kann.

Rezension: Prof. Dr. Klaus Gestwa

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Ignaz Lozo
Gorbatschow
Der Weltveränderer
Verlag wbg Theiss, Darmstadt 2021, 400 Seiten, € 28,–

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