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Volkart,Silvia (Hrsg.)

Vom Bodensee nach Bischofszell – Alltag und Wirtschaft im 15. Jahrhundert

Im Thurgau nutzt man das 600. Jubiläum des Konstanzer Konzils zu einer gelungenen Inszenierung eigener Vergangenheiten im ausgehenden Mittelalter. Die auf vier Bände angelegte Reihe, eine Vermessung von Geschichte und Leben, strahlt beispielhaft in die aktuelle Vielfalt historischer Erinnerung und verdient Aufmerksamkeit weit über die nördliche Schweiz hinaus.

Ein erster Band der Reihe hatte das Konzil als zeitweiliges Zentrum der lateinischen Christenheit am Bodensee gewürdigt. Nun präsentiert eine eindrucksvolle Zusammenschau Alltag und Wirtschaft in der Region mit ihren beiden Zentren Konstanz und Bischofszell. Handel, Tuchproduktion, Landwirtschaft, Weinbau und Fischfang prägten das Leben der meisten Menschen.

Die reiche Bebilderung bietet neben den gelungenen Texten eine eigenständige Säule des historischen Wissens und erlaubt überraschende Entdeckungen. So präsentiert ein kunstvoll gestickter Wandbehang mit der Ansicht von Bischofszell (um 1510 –1525) den Sprung eines Mannes in knapper Badehose von der Brücke in die Sitter. Kleidung war stets ein Spiegel der Gesellschaft. Eindrucksvoll treten in anderen Darstellungen die figurbetonte Mode des 15. Jahrhunderts mit Wespentaille, Dekolleté und Schnabelschuh hervor. Das könnte selbst noch in heutigen Boutiquen als Blickfang dienen.

Nur an Karten zur geographischen Orientierung wurde gespart, so dass sich der nicht ortskundige Leser mit einer groben Orientierung behelfen muss. Hier wäre nicht nur das frühneuzeit‧liche Arenenberg einen Eintrag wert gewesen, ein Ortsname, der sich aus dem mittelalter‧lichen Narrenberg „weiterent‧wickelt“ hatte. Die Autorinnen und Autoren dieses Lesebuchs entfalten die Suggestionskraft vergangener Andersartigkeiten und bringen den Wandel des ausgehenden Mittelalters in eindrucksvollen Beispielen zum Sprechen. Was Apollonia Humpis zu erzählen hätte: Dieses auf Quellen gegründete virtuelle Ego-Dokument ist der Bericht einer familienstolzen Patrizierin. Selbstbewusst propagiert sie die Erfolgsgeschichte süddeutscher Kaufleute, aufmerksam registriert sie die Erschütterungen etablierter Ordnungen. Das Drama ihres Lebens verdichtete sich symbolisch in der Entdeckung des toten Ehemanns Carlin Brysacher auf dem Schlachtfeld von Schwaderlos 1499.

Andere Texte geben den kleinen Leuten eine Stimme, verfolgen die Schicksale der Menschen vor fremden Gerichten und rücken scheinbar unbedeutende Orte wie den Ottenberger Weinbau oder die Hauptwiler Fischweiher ins Licht. Mit naturwissenschaftlichen Methoden entdeckt die Mittelalter-Archäologie, was uns Funde wie Körner, Kot und Knochen über Ernährung, Umwelt und Klima vor Jahrhunderten verraten können. Damit tritt die Lebensfülle der Region südlich des Bodensees hervor, die in der wohl ältesten Beschreibung von 1460 als „Land voller Häuser“ beschrieben wurde: „Alles war so dicht besiedelt und so bevölkert, dass man es nicht zählen konnte.“ Dieses Buch zeigt im Abstand eines halben Jahrtausends, was und wie man heute darüber erzählen kann.

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Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller

Volkart,Silvia (Hrsg.)
Vom Bodensee nach Bischofszell – Alltag und Wirtschaft im 15. Jahrhundert
Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2015, 259 Seiten, Buchpreis € 39,00
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