Torsten Diedrich/Jens Ebert (Hrsg.) Vom General zum Hitler-Kritiker - wissenschaft.de
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Torsten Diedrich/Jens Ebert (Hrsg.)

Vom General zum Hitler-Kritiker

dam0718bue13.jpg40 Milliarden Feldpostsendungen sind im Zweiten Weltkrieg zwischen Front und Heimat transportiert worden, einige hunderttausend sind in Archiven überliefert. Publiziert worden sind in den letzten Jahren besonders Schreiben einfacher Soldaten und mittlerer Offiziersdienstgrade. Der vorliegende, ansprechend gestaltete Band bringt dagegen eine erstmals gedruckte und kommentierte Auswahl von 195 aufschlussreichen Briefen und Postkarten des Generals der Artillerie Walther von Seydlitz aus dem Krieg und aus seiner Gefangenschaft in der Sowjetunion.

Seydlitz war kein Unbedeutender: Der aus einer Offiziersfamilie stammende Adlige machte sich als „Held von Demjansk“ einen Namen, als er im April 1942 dort eingeschlossene Soldaten befreite. Als Kommandant des LI. Armeekorps wurde er in Stalingrad eingekesselt und geriet in sowjetische Gefangenschaft. Dort wandelte er sich zum Gegner Hitlers und engagierte sich als Vorsitzender des „Bundes Deutscher Offiziere“, der 1943 im Lager Lunjowo bei Moskau gegründet wurde, gegen den Krieg.

In Deutschland wurde von Seydlitz zum Tod verurteilt und seine Familie in Sippenhaft genommen; seine Frau musste sich von ihm scheiden lassen, seine beiden jüngeren Töchter kamen ins Kinderheim. Damit nicht genug: Als von Seydlitz die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion einstellte, wurde er 1950 vom Sowjetischen Militärtribunal ebenfalls zum Tod verurteilt, dann begnadigt und bis 1955 inhaftiert. Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er öffentlich so massiv als „Verräter“ angefeindet und gesellschaftlich geächtet, dass die Familie von Verden nach Bremen umziehen musste und nicht mehr öffentlich präsent war.

Der ungewöhnliche Wandlungsprozess vom General zum Hitler-Kritiker spiegelt sich in den edierten Briefen anschaulich wider. Doch es gibt auch weiße Flecken: Die Briefe enthalten zwar keine antisemitischen Ausführungen, doch die deutschen Verbrechen gegen die jüdische Bevölkerung werden nicht erwähnt. Auch die gezielte Ausbeutung der besetzten Gebiete findet keinen Niederschlag.

Beleuchtet wird im Briefwechsel das Verhältnis der Eheleute, das als ebenbürtig in Erscheinung tritt. Im November 1946 etwa begrüßte Seydlitz, der auch ein fürsorglicher Familienvater war, sogar die wachsende Gleichberechtigung der Frauen: „Alle Männer hier besorgt, daß Frauen zu Hause jetzt so selbständig, da so später nicht mehr zu ‚bändigen‘. Ich sage, lieber zu selbständig als umgekehrt! Endlich volle Emanzipation!!“

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Eingerahmt werden die sorgfältig edierten Texte durch zwei kundige Beiträge der Herausgeber zu den Kriegsbriefen sowie zur Bedeutung von Seydlitz’ als lange verkannter deutscher Patriot, dessen sowjetisches Todesurteil erst 1996, postum, aufgehoben wurde.

Rezension: Prof. Dr. Dr. Rainer Hering

Torsten Diedrich/Jens Ebert (Hrsg.)
Nach Stalingrad
Walther von Seydlitz’ Feldpostbriefe und Kriegsgefangenenpost 1939 –1955
Wallstein Verlag, Göttingen 2018, 427 Seiten, € 24, 90

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