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Katharina Wesselmann

Von antiken Machos und weiblichen Opfern

dam0122bue04.jpgLiest man heute antike Texte anders als vor 20, 50 oder 100 Jahren? Die Antwort ist so einfach wie die Frage banal ist: natürlich, denn in die Lektüre bringt jeder Leser unweigerlich den Horizont eigenen Erlebens und der Normen seiner Gegenwart ein.

So wird man heute, in Zeiten von #metoo und allgegenwärtigen Debatten über sexualisierte Gewalt, auch die Geschichte von Tereus und Philomela neu lesen, die Ovid in den „Metamorphosen“ erzählt und auf die Katharina Wesselmann, Professorin für die Didaktik der Alten Sprachen in Kiel, im Titel ihres Buchs anspielt.

Tereus sperrt seine Schwägerin Philomela in einer einsamen Hütte im Wald ein und vergewaltigt sie. Damit sie ihren Peiniger nicht verraten kann, schneidet er ihr die Zunge heraus. Am Ende kommt die Sache durch Philomelas Gewitztheit doch ans Licht, und die Schwestern nehmen grausame Rache an Tereus.

Wesselmann beginnt mit drei homerischen Frauengestalten, deren Weg durch die Weltliteratur sie nachzeichnet: den der Sklavin Briseis, die Achill an Agamemnon abtreten muss, worauf der sich in den Schmollwinkel und aus dem Trojanischen Krieg zurückzieht; den der Gattin Penelope, die 20 Jahre auf Odysseus wartet, und den der schönen Helena, die Paris von Aphrodite zugesprochen erhält, weil er sie zur schönsten aller Göttinnen erklärt hat.

In den homerischen Epen „Ilias“ und „Odyssee“ sind die drei Frauen bloße Statistinnen, die lediglich dazu dienen, der Handlung eine neue Wendung zu geben. Erst in späteren Werken der Weltliteratur – Briseis bei Ovid, Penelope erst in Margaret Atwoods „Die Penelopiade“(Berlin Verlag 2005) – werden diese Figuren zu echten Akteurinnen.

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Noch immer gibt es Männer, die „mächtige Frauen“ als Anomalie wahrnehmen, auch wenn sie im Westen einer aussterbenden Gattung angehören dürften. Wesselmann schlägt den Bogen von Angela Merkel und Hillary Clinton zurück zur Tragödienfigur Antigone und zur ägyptischen Herrscherin Kleopatra, die für „Ausgrenzung“ respektive „Dämonisierung“ stünden. Im Fall von Sophokles geht diese Gleichung nicht ganz auf, weil der Tragödiendichter Antigone als Anwältin einer überzeitlichen Moral ja gerade gegen alle Ausgrenzungsversuche durch die Staatsmacht in Schutz nimmt.

Weiter geht es mit der in Vergils „Aeneis“ vom Helden im Stich gelassenen Karthagerin Dido und der Königstochter Medea, der Jason übel mitspielt, mit Daphne und Io, den mythischen Opfern von Zeus’ übersteigertem Geschlechtstrieb, schließlich mit der Geschichte der Philomela und dem Sex darin, den schon Paul Veyne eine „legale Vergewaltigung“ genannt hat.

Dann wechselt das Buch die Perspektive und wendet sich Männern zu: als Opfern sexueller Gewalt, verschmähten Liebhabern, Machos und Zukurzgekommenen. Wesselmann leert über ihren Lesern ein Füllhorn teils verstörender, teils abstruser, streckenweise auch amüsanter Geschichten aus, die zum Nachdenken anregen. Sie sind mit leichter Feder aufgeschrieben, nur der gewollt heutige Sprachgestus („maximal“) ärgert bisweilen.

Sympathisch ist hingegen, dass sich die Verfasserin nie zur Richterin über die ferne Vergangenheit aufschwingt, sondern stets deutlich macht, wie zeitgebunden jede Antiken-Rezeption ist und wie beklemmend nah uns manchmal Griechen und Römer eben doch sind. Ihr Buch kann man als Appell verstehen, den alten Kanon nicht leichtfertig zu verwerfen, sondern neue Lehren daraus zu ziehen. Wer alte Texte neu liest, erlebt so manche Überraschung.

Rezension: Prof. Dr. Michael Sommer

Katharina Wesselmann
Die abgetrennte Zunge
Sex und Macht in der Antike neu lesen
Verlag wbg Theiss, Darmstadt 2021, 224 Seiten, € 22,–

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