Silvia Volkart (Hrsg.) Von religiöser Sehnsucht und streitbarem Eifer - wissenschaft.de
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Silvia Volkart (Hrsg.)

Von religiöser Sehnsucht und streitbarem Eifer

Das Konstanzer Konzil (1414 – 1418) prägte sowohl die Christenheit als Ganzes als auch die regionale Geschichte am Bodensee. Der schweizerische Kanton Thurgau nutzte das Jubiläum zur bemerkenswerten Vermessung eigener Vergangenheiten. Jetzt liegen drei Bände, gewichtig in doppelter Hinsicht, geschlossen vor, leserfreundlich geschrieben und vorzüglich ausgestattet (vgl. auch DAMALS 4-2016, Seite 47). Hier ist der ausgezeichnete Abschlussband zu würdigen. Er präsentiert die lange Umbruchzeit vom Konstanzer Konzil zur Reformation in großen und kleinen Geschichten.

„Als die Eidgenossen kamen“: Mit dem Verfall der habsburgischen Macht begann die Eroberung des Thurgaus durch die Eidgenossen. Zwischen 1460 und 1499 konnten sie das südliche Ufer des Bodensees an sich bringen und sorgten damit für eine bis in die Gegenwart gültige Grenzziehung. Deutlich spiegeln die Quellen die spätmittelalterlichen Wahrnehmungsgrenzen zwischen adlig-bürgerlichen Gruppen und den als „Kuhschweizern“ stigmatisierten Eidgenossen. Rasch griff man im 15. Jahrhundert wegen Verleumdungen oder verletzter Ehre zu den Waffen.

Auch die Zerstörung des Klosters Ittingen 1524 zeigt, wie schnell der frühe reformatorische Eifer aus dem Ruder laufen konnte und wie gegensätzlich die Eidgenossen im Glaubenskampf untereinander agierten. Die Kraft des Christentums lässt sich schon vor der Reformation am Wachsen blühender Klosterlandschaften, an persönlichen Stiftungen oder an religiösen Sehnsüchten allenthalben greifen. Spröde Einträge ins Jahrzeitbuch der Pfarrei Dussnang bezeugen die Jenseitsvorsorge einer bäuerlichen Bevölkerung. Mit dem materiellen Einsatz hoffte auch sie auf ewiges Gedenken für das eigene Seelenheil. Die bezahlte Memoria ging in der Reformation weitgehend unter.

Der Band besticht durch die Kombination großer Linien mit dem genauen Hinschauen auf gelebtes Leben. Hans von Waltheym aus Halle (Saale) hielt im Bericht von seiner Pilgerreise zur heiligen Maria Magdalena im provenzalischen Saint-Maximin-la-Sainte-Baume fest, wie sehr ihn 1474 die Andenken an das Konstanzer Konzil beeindruckten: „Lasst euch in Konstanz zeigen, an welcher Stelle Jan Hus und Hieronymus, die böhmischen Ketzer, verbrannt worden sind.“

Ein Glanzlicht dieses Buchs ist der neue Blick auf spektakuläre Bildgeschichten des Feldbacher Altars aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Vielleicht entstand er in Konstanz und gelangte erst später über Feldbach ins Historische Museum Thurgau? Den neutestamentlichen Szenen und den Heiligenbildern fügte der unbekannte Maler Darstellungen eines Minaretts mit Götzen, von Männern mit Turbanen und – zur Rechten wie zur Linken des gekreuzigten Heilands – von osmanischen Schiffen mit Halbmondfahnen hinzu. Noch sind die Rätsel dieser sensationellen Bilder und ihrer Stifter nicht gelöst. Die Neuinterpretationen verweisen darauf, wie heftig die Eroberung von „Constantinopolis“ 1453 auch die „Constantia“ am Bodensee erschüttert haben dürfte.

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Rezension: Prof. Dr. Bernd Schneidmüller

Silvia Volkart (Hrsg.)
Umbruch am Bodensee
Vom Konstanzer Konzil zur Reformation
Verlag Neue Zürcher Zeitung, Zürich 2018, 439 Seiten, € 108,– (als Taschenbuch € 54,–)

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