Peter Lantos Von Ungarn nach Bergen-Belsen und zurück - wissenschaft.de
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Peter Lantos

Von Ungarn nach Bergen-Belsen und zurück

Peter Lantos beschreibt seinen Aufenthalt in Bergen-Belsen als fünfjähriges Kind als das schlimmste und zugleich beste Ereignis seines Lebens. Eine solche Aussage stößt zunächst einmal auf Unverständnis: Wie kann ein Kind, das durch die „Hölle von Bergen-Belsen“ gegangen ist, diese Erfahrung später in einem – zumindest teilweise – positiven Licht sehen?

Lantos, 1939 in der kleinen Stadt Makó in Ungarn geboren, verlebte bis zu seinem vierten Lebensjahr eine glückliche Kindheit. Seine Eltern versuchten Peter vom Kriegsgeschehen in Europa abzuschirmen, was aber nach der Besetzung Ungarns durch die Wehrmacht 1944 zunehmend unmöglich wurde. Wenig später wurde Peters 19-jähriger Bruder zur Zwangsarbeit eingezogen – die Familie sah ihn nie wieder.

Ungarn blickte zu diesem Zeitpunkt bereits auf eine längere Tradition von antisemitischen Gesetzen und Diskriminierungen zurück, doch nichts davon war zu vergleichen mit den 1944 durch die Deutschen beginnenden Deportationen der ungarischen Juden. Die Familie wurde zunächst in ein ungarisches Ghetto verfrachtet, von wo aus es weiter ins österreichische Strasshof ging. Dort mussten seine Eltern Zwangsarbeit leisten; es scheint bei Lantos‘ Schilderungen von Bombenregen und Hunger unvorstellbar, dass die Familie sich bald nach dieser Zeit zurücksehnen wird.

So makaber das auch klingen mag, beschreibt Lantos sein „Glück“, beim Abtransport aus Strasshof in dem Zug nach Bergen-Belsen gelandet zu sein – die beiden anderen fuhren nach Auschwitz. „Die Arithmetik des Schicksals ist eindeutig. Wären wir in dem Zug nach Auschwitz gewesen, hätte man mich als fünfjähriges Kind sofort in die Gaskammer geschickt (…). Letztendlich überlebte ich auf Kosten anderer Kinder.“ Bergen-Belsen war keine perfektionierte Tötungsmaschine wie Auschwitz, trotzdem starben Menschen dort massenhaft an Hunger und Krankheit. Peters Mutter machte mit ihrem Sohn morgens beim stundenlangen Stillstehen in der Kälte erste Rechenübungen, während die Nazis zählten, wie viele Menschen die Nacht überlebt hatten.

Lantos beschreibt berührend seine Gefühle und Wahrnehmungen als kleiner Junge, der die Grausamkeit um sich herum nicht begreifen kann, aber bald aufhört, Fragen zu stellen. Die permanenten Erniedrigungen und Entbehrungen werden zur traurigen Normalität. Diese Perspektive macht die Schilderungen nicht weniger schrecklich, im Gegenteil. Ohne sich selbst als Opfer zu sehen, geht sein nüchternes Zeugnis der nationalsozialistischen Greueltaten dem Leser besonders nah.

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Nach Kriegsende schafften es Mutter und Sohn zurück nach Ungarn, wo sie auf den kleinen Teil der Familie stießen, der überlebt hatte. Und es braute sich schon ein neuer Albtraum über ihnen zusammen: 1949 kamen die Kommunisten an die Macht, und die Familienmitglieder galten nun als Kapitalisten, Konterrevolutionäre und Klassenfeinde. Nach einer für den aufgeweckten und kritischen Schüler Peter schwierigen Schulzeit unter der kommunistischen Diktatur bekam er während seines anschließenden Medizinstudiums die Chance, für ein Jahr in London zu studieren. Er kehrte erst 1989 für einen Besuch nach Ungarn zurück.

„Von Ungarn nach Bergen-Belsen und zurück“ ist kein Buch, das sich leicht liest. Doch die Chance, einer solch persönlichen Reise durch ein bewegtes Leben beizuwohnen, sollte sich niemand entgehen lassen. Lantos resümiert, er sei trotz all des miterlebten Grauens wie ein „Überlebender eines Flugzeugunglücks scheinbar unversehrt“ davongekommen und habe Kraft daraus ziehen können, Bergen-Belsen letztlich überstanden zu haben. Es macht die Stärke, mit der er Rückschlägen in seinem Leben immer wieder begegnete, etwas verständlicher, höchst bewundernswert bleibt sie trotzdem.

Rezension: Jonas Kreutzer

Peter Lantos
Von Ungarn nach Bergen-Belsen und zurück
Eine Zeitreise
Wallstein, Göttingen 2017, 366 Seiten, 24,90€

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