Porter, Roy Wahnsinn – Eine kleine Kulturgeschichte - wissenschaft.de
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Porter, Roy

Wahnsinn – Eine kleine Kulturgeschichte

Wahnsinn bzw. Geisteskrankheit ist seit Menschengedenken ein Thema der literarischen Zeugnisse. Historiographen, Dichter, Philosophen und Mediziner haben sich mit ihm auseinandergesetzt. Theorien über seine Ursachen wurden ersonnnen und verworfen. Stets wandelte sich im Laufe der Zeit der Umgang mit diesem Phänomen.

Dies nahm vielleicht Roy Porter, der bis zu seinem Tod 2002 Professor für Sozialgeschichte der Medizin am Londoner Wellcome Institute for the History of Medicine war, zum Anlaß, in seiner letzten Publikation „Wahnsinn. Eine kleine Kulturgeschichte“ eine „kurze, klare und vorurteilslose Darstellung [seiner] Geschichte“ zu schreiben.

Das 2002 unter dem Titel „Madness. A Brief History“ erschienene Buch liegt nun in einer von Christian Detoux ins deutsche übertragenen Version vor. Die Übersetzung ist sehr gelungen und überzeugt durch gute Lesbarkeit und einen erfrischend kurzweiligen Stil.

In neun Kapiteln behandelt Porter die Geschichte des Wahnsinns von der Urzeit bis hin zu den Entwicklungen der letzten Jahre. Porters Versuch, knapp 7000 Jahre Geschichte auf 240 kleinformatige Seiten zu bannen, bedingt naturgemäß eine Beschränkung auf das absolut Notwendige, und er gibt zu bedenken: „Vieles wird ausgeblendet bleiben.“

Ausgehend von den ersten urzeitlichen Zeugnissen für Schädelöffnungen – möglicherweise, um bösen Geistern den Austritt zu ermöglichen – entwickelt Porter ein Panorama des Wahnsinns: Erkannten die Babylonier und Mesopotamier im Wahnsinn das Wirken dämonische Kräfte, betrachteten die Griechen den Wahnwitz als Gottesstrafe. Die Theorien des Aretaios, des Hippokrates und Galens werden kurz angerissen und die Viersäftelehre erläutert. Ein enormer zeitlicher Sprung von der Antike in die Frühe Neuzeit führt zur mechanischen Physiologie des 17. und 18. Jahrhunderts und den Theorien von Robert Burton, Descartes, Hobbes und Locke. Spätestens hier fällt eine Konzentration auf die britischen Inseln ins Auge. Die folgenden Kapitel widmen sich Sigmund Freud und seinen Kollegen, der Entwicklung der Irrenanstalt, dem Schicksal des Patienten, der Anti-Psychatrie-Bewegung R. D. Laings und dem weitgefächerten Angebot der heutigen Seelenheilkunde.

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Die enorme Vielfalt der Themen ist sowohl Stärke als auch Schwäche der Publikation. Einerseits führt sie umfassend in die Thematik Wahnsinn ein, kann aber andererseits durch den geringen Umfang die Themen und Theorien nur oberflächlich behandeln. Hinweise auf weiterführende englische Literatur verschaffen hier Abhilfe und ermuntern zur vertieften Auseinandersetzung mit einzelnen Epochen oder Aspekten. Anschauliche Abbildungen und ein hilfreiches Register runden den guten Eindruck der lesenswerten Einführung ab, die einen schönen Einstieg in die komplexe Materie ermöglicht.

Rezension: Sommer, Christopher

Porter, Roy
Wahnsinn – Eine kleine Kulturgeschichte
Verlag Dörlemann, Zürich 2005, 238 Seiten, Buchpreis € 18,90
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