Gall, Lothar Walther Rathenau – Portrait einer Epoche - wissenschaft.de
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Gall, Lothar

Walther Rathenau – Portrait einer Epoche

Die vielseitige und widersprüchliche Persönlichkeit von Walther Rathenau (1867–1922), den Zeitgenossen so gern als „Jesus im Frack“ oder „Vereinigung von Kohlepreis und Seele“ verspotteten, stellt eine faszinierende historiographische Herausforderung dar. Doch hat Rathenau trotz einer mittlerweile stattlichen Zahl von Bemühungen noch keinen Biographen gefunden, der den 2006 von Christian Schölzel in beeindruckender Dichte aufbereiteten Stoff mit einem überzeugenden Deutungsmodell verbunden hätte. Jetzt hat Lothar Gall einen neuen Wurf gewagt, der den eigentlichen Schlüssel zum Verständnis des Rätsels Rathenau nicht im individuellen Charakter seines Helden oder in der ihm als jüdischem Bürgersohn abverlangten Integrationsleistung sucht, sondern in der Zeit, die sich in ihm spiegelt.

Gall skizziert Rathenau als Repräsentanten des vor allem aus Angestellten und Managern, Bildungsbürgern und Intellektuellen gebildeten „Neuen Bürgertums“, das um 1900 das alte Stadt- und Wirtschaftsbürgertum und die überkommene Beamtenschaft zu verdrängen begonnen hatte und in Opposition zur wilhelminischen Epoche stand. Rathenau wird bei Gall zum Wortführer eines kulturellen Aufbruchs, einer neuen Zeit, die der naturwüchsigen Moderne des 19. Jahrhunderts das Modell einer anderen, einer geordneten Moderne entgegensetzen wollte.

In sorgfältiger Interpretation der zeitphilosophischen Schriften Rathenaus entwirft Gall das Bild eines Vorkämpfers des social engineering, der mit Hilfe seiner sozial‧reformerischen Ideen die poli‧tische Utopie einer nach vernünftigen Grundsätzen geordneten bürgerliche Gemeinschaft zu schaffen versuchte. Diese Deutung ist inter-essant, und sie genießt den Vorzug, die oft als schwerverdaulich und unergiebig abgetane Publizistik Rathenaus in den Fokus der biographischen Annäherung zu stellen.

Zugleich aber vermag der Ansatz, der Rathenau als Spiegel und Sprecher eines epochalen Aufbruchs zur Moderne versteht, kaum dessen durchgängige Außenseiterstellung zu erfassen. So misst Gall Rathenaus lebenslanger Auseinandersetzung mit seiner gesellschaftlichen Ausgrenzung und Zurücksetzung als Jude eigentümlich geringes Gewicht bei. Blass bleibt auch die besondere Prägung des konservativen Moderne-Konzepts im Denken Rathenaus, der sich zugleich zu einer liberalen Zivilgesellschaft und zu den Werten altpreußischer Schlichtheit bekennt, zu politischer Liberalität und ästhetischer Normierung, zu einer neuen Gesellschaft und einer neuen Wirtschaft – aber nach ständischem Vorbild.

Schließlich führt die Fokussierung auf Rathenaus Denkwelt dazu, dass die Biographie ihren leitenden Deutungsansatz ausgerechnet in dem Moment verliert, als der radikale Theoretiker Rathenau sich in den pragmatischen Politiker verwandelt, dessen letztlich vergeblicher Einsatz für die Weimarer Republik bis heute im Zentrum des öffentlichen Interesses an seiner Person steht. So hat auch Lothar Gall noch keine gültige Biographie Rathenaus vorgelegt, wohl aber eine anregende. Am schwersten aber fällt vielleicht ins Gewicht, dass der Biograph mit seinem Helden im Grunde schon am Ende des Ersten Weltkriegs abgeschlossen hat.

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Rezension: Prof. Dr. Martin Sabrow

Gall, Lothar
Walther Rathenau – Portrait einer Epoche
Verlag C. H. Beck, München 2009, 298 Seiten, Buchpreis € 22,90
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