Warum Denken überschätzt wird - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Bücher

Warum Denken überschätzt wird

Sigmund Freud hätte dieses Buch sicher interessiert gelesen. Denn der Begründer der Psychoanalyse ahnte bereits vor über 100 Jahren: „Wir sind nicht Herr im eigenen Haus.“ Das Unbewusste lenkt unser Denken, Fühlen und Handeln. Das Bewusstsein „rationalisiert“ nur, was dabei herauskommt – es redet sich ein, die Zügel in der Hand zu haben. Freud war sich klar darüber, dass die Wissenschaft zu seiner Zeit für eine gründliche Erforschung des Unbewussten nicht weit genug war, seine Theorie war hochspekulativ – und in manchem falsch.

Heute sieht es anders aus, wie John Bargh in seinem Buch eindrucksvoll zeigt. Psychologen und Hirnforscher haben experimentelle Methoden und Messinstrumente, von denen Freud nicht einmal träumen konnte. Bargh, der an der Yale University Psychologie lehrt, entdeckte selbst in den 1990er-Jahren das erstaunliche Phänomen des Priming: der Beeinflussung von Menschen durch die unbewusste Verarbeitung von Reizen. Er brachte zum Beispiel Versuchspersonen dazu, sich älter zu fühlen, indem er sie so ganz nebenbei Wörter wahrnehmen ließ, die mit höherem Alter assoziiert sind – etwa „Glatze“, „grau“ oder „vergesslich“. In seinem Buch beschreibt er, wie solche Effekte unser Verhalten bestimmen, und zwar viel stärker, als wir uns oft eingestehen wollen. Und wie sie uns manipulierbar machen, beispielsweise durch Werbung.

Das Unbewusste ist auch für Politiker und ihre Berater sehr attraktiv. Bargh berichtet, wie Priming und andere Effekte genutzt werden, um die Vorurteile und Ängste der Wähler zu schüren und so ihre Stimmen zu gewinnen. Sein Buch macht etliche auf den ersten Blick unglaubliche Wahlergebnisse der letzten Zeit in den USA, in Deutschland und anderswo besser verständlich. Bargh analysiert zudem die unselige Dynamik des männlichen Sexismus, und er liefert eine Theorie, wie Männer Frauen zu Sexualobjekten herabwürdigen können, ohne sich dabei irgendeiner Schuld bewusst zu sein. Erschreckend: Gegen die unbewussten Mechanismen des Sexismus helfen keine Argumente.

Bei all diesen ernsten Themen behält Bargh seinen Humor. Er schreibt nicht nur spannend, sondern auch ausgesprochen witzig. Das hat er seinem großen Vorgänger Sigmund Freud voraus.

John Bargh
Vor dem Denken
Droemer, 464 S., € 24,99, ISBN 978–3–426–27661–7
E-Book für € 21,99, ISBN 978–3–426–42985–3

Anzeige

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Liken und keine News mehr verpassen!

Anzeige

Begünstigte eine Polwanderung die Eiszeit?

Verschiebung der Erdachse brachte Grönland und Europa weiter nach Norden weiter

Gold schmilzt bei Raumtemperatur

Forscher beobachten völlig neues Phänomen beim Edelmetall weiter

Schimpansen haben doch echte Kulturen

Soziale Verhaltensunterschiede deuten auf kulturelles Lernen hin weiter

Klimafolgen: Es kommt geballt

Viele Regionen könnten bald von bis zu sechs Klimafolgen gleichzeitig betroffen sein weiter

Wissenschaftslexikon

Sil|ber|fa|san  〈m. 1 od. m. 23; Zool.〉 im männl. Geschlecht prächtig schwarzweiß gefärbter Hühnervogel aus Hinterindien u. Südchina: Lophura nycthemera

Ge|wich|tung  〈f. 20〉 1 das Gewichten (2) 2 〈Statistik〉 Multiplikation von Einzelergebnissen od. Zuständen (z. B. Testergebnissen) mit einer Konstante, gemäß der Häufigkeit ihres Auftretens od. der Bedeutung für ein Gesamtergebnis ... mehr

Grund|pfei|ler  〈m. 3〉 1 〈Arch.〉 tragender, stützender Pfeiler 2 〈fig.〉 starke Stütze, Unterstützung (z. B. des Staatswesens, der Wissenschaften); ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige