Bettany Hughes Weltstadt am Bosporus - wissenschaft.de
Anzeige
Anzeige

Bettany Hughes

Weltstadt am Bosporus

Die Istanbul-„Biographie“ von Bettany Hughes ist die derzeit wohl umfangreichste Gesamtdarstellung der Weltstadt am Bosporus. Ihre Verfasserin hat als Althistorikerin und Mediävistin einen guten Zugang zur griechischen Welt. Als erfolgreiche Moderatorin von populären Geschichtssendungen versteht sie, wie man ein Publikum auch für entlegene Themen begeistern kann.

Ihr schwergewichtiges Buch konkurriert nicht mit den gängigen Stadtführern. Man sollte sich deshalb überlegen, ob man 1,459 Kilogramm in die Reisetasche packt. Es könnte bei den Kapiteln zum antiken und byzantinischen Istanbul, die etwa zwei Drittel des Buchs ausmachen, auch nur sehr bedingt zur räumlichen Orientierung beitragen. Die meisten aus Schriftquellen bekannten Baudenkmäler dieses Jahrtausends sind verschwunden, viele Zeugnisse nicht lokalisierbar.

Die Autorin widmet der osmanischen Zeit (470 Jahre) das verbleibende Drittel. Die Jahre nach dem Verlust der Hauptstadtfunktion (1923) werden gar nicht berücksichtigt, was etwas verwunderlich ist, weil Bettany Hughes durch die Lektüre eines modernen türkischen Autors (des Nobelpreisträgers Orhan Pamuk) erste Bekanntschaft mit der Stadt schloss. Aber auch osmanische Themen sind, vorsichtig gesagt, nicht die Stärke der klassisch gebildeten Verfasserin.

Dennoch eignet sich die inhaltsreiche und lebendige Darstellung als trefflicher Lesestoff, um sich auf einen Besuch in Istanbul vorzubereiten. Die Aufteilung in 78 kurze, weitgehend selbständig lesbare Abschnitte erlaubt das Blättern ohne chronologischen Leitfaden. Die Kapitel tragen Überschriften, die nüchterne Geschichtsfreunde irritieren mögen. Ich finde, dass sie zum großen Teil nicht nur zum Schmökern anregen, sondern auch sachlich zutreffend sind.

Einige Beispiele: „Das Problem mit den Goten“, „Friedenstaube oder eiserne Faust: Theodosius der Große“ „Himmelssäulen: Asketen“ oder (in den osmanischen Teilen) „Die Reise der Seidenraupe“ und „Seife und Pocken“. Eine Überschrift versteht allerdings nur auf Anhieb, wer das Gedicht „Sailing to Byzantium“ von William Butler Yeats verinnerlicht hat. Dort heißt es: „That is no country for old men“ („Dies ist kein Land für alte Männer“).

Anzeige

Ich schätze an dem Buch, dass es zahlreiche Ereignisse, Personen und Objekte über ihre ortsgeschichtliche Rolle hinaus in einen weiteren historischen und geographischen Zusammenhang bringt. Bettany Hughes’ Horizont reicht über die Landmauern von Konstantinopel hinaus. Man lernt eine vielgereiste Autorin kennen, die nicht nur von Rimini oder Ravenna aus nach Konstantinopel blickt, sondern auch in China und im Kaukasus Bezüge zur Stadt am Bosporus sucht und findet.

Das Buch enthält leider eine Anzahl teils banaler, teils nicht ganz offensichtlicher Fehler. Die Versuche, laufende archäologische Unternehmungen und andere aktuelle Forschung zu vermitteln, sind allzu flüchtig und manchmal irreführend. Schließlich: Eine wünschenswerte Neuauflage sollte die Literaturliste um unverzichtbare Fachliteratur in nicht-englischer Sprache ergänzen.

Rezension: Prof. Dr. Klaus Kreiser

Bettany Hughes
Istanbul
Die Biographie einer Weltstadt
Verlag Klett-Cotta, Stuttgart 2018, 948 Seiten, € 35,–

Anzeige

DAMALS | Aktuelles Heft

Bildband DAMALS Galerie

Anzeige

Aktueller Buchtipp

Wissenschaftslexikon

♦ In|tra|net  〈n. 15; IT〉 internes Netzwerk in Unternehmen, das mithilfe des Internets aufgebaut wird; →a. Extranet ... mehr

Li|tho|gra|fie  〈f. 19〉 oV Lithographie; Sy Steinzeichnung ... mehr

Me|di|en|ver|bund  〈m. 1; unz.〉 der Zusammenschluss mehrerer Kommunikationsmittel in einer Organisation, z. B. von Film- u. Rundfunkunternehmen in einem System

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige