Lutz Raphael Westeuropa in der Krise - wissenschaft.de
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Lutz Raphael

Westeuropa in der Krise

dam0120bue10.jpgDie Bezeichnung „nach dem Boom“ ist in den Sozialwissenschaften zu einiger Berühmtheit gelangt. Gemeint ist damit, dass nach den Jahren des „Wirtschaftswunders“ viele Staaten Westeuropas von Krisen erfasst wurden. Fabriken und alte Industrien verschwanden, Massenarbeitslosigkeit breitete sich aus, und neue soziale Probleme entstanden. Ein beispielloser Strukturwandel setzte ein, der die Industriegesellschaften bis in die Gegenwart hinein prägt.

Doch was bedeutet dieser generelle Befund im Einzelnen? Wie ist es seither um nationale Arbeitsordnungen bestellt? Was heißt es, wenn feste Sozialstrukturen, die fast Generationen überdauerten, wegbrachen? Nahm die einstmals stolze Industriearbeiterschaft in den Kohle- und Stahlrevieren alles einfach hin, oder wehrte sie sich mit neuen Formen der Arbeitskämpfe und der Rebellion? Davon handelt der erste Teil des Buchs von Raphael, der die Industriearbeit in Großbritannien, Frankreich und der Bundesrepublik Deutschland vergleichend untersucht.

Nach dieser „Vogelperspektive“ folgen im zweiten Teil „Nahaufnahmen“ von unten. Hier geht es um Lebensläufe, Berufskarrieren und die Jobsuche in Umbruchzeiten, aber auch um die Frage, was das Ende der alten sozialmoralischen Milieus (in Deutschland etwa das der sozialdemokratischen Arbeiterschaft oder das der Katholiken) für die jeweilige Gesellschaft bedeutete und welche Sozialräume in der Deindustrialisierung entstanden. Vieles, was heute diskutiert wird, hat in dieser Periode des beschleunigten Wandels zwischen 1970 und 2000 seinen Ursprung, angefangen bei der neuen Ungleichheit und den riesigen Vermögensunterschieden bis hin zum Zerfall der traditionellen Volksparteien.

Das Buch ist außerordentlich vielschichtig in Themen und Erzählperspektive. Vor allem jedoch ist es hochgradig theorie- und methodengeleitet, es geht Raphael auch um die Erprobung einer „Gesellschaftsgeschichte der Deindustrialisierung“. Das macht es nicht immer einfach zu lesen. Wer sich jedoch auch durch die schwierigen Passagen durchbeißt, lernt, dass hier ein sozialer Wandel von revolutionärer Qualität ablief (und abläuft).

Unterm Strich gelang es Deutschland offenbar besser, den Kern seiner industriellen Beschäftigungsstruktur aufrechtzuerhalten. Weder gab es hier die Kahlschlagpolitik der britischen Regierung gegenüber den Gewerkschaften noch die Militanz in den Arbeitskämpfen wie jenseits des Ärmelkanals oder auch in Frankreich.

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Doch vermag die vielgerühmte „soziale Marktwirtschaft“ zu überleben? Wo ist die europäische Wirtschafts-, Fiskal- und Sozialunion? Raphael ist skeptisch: Die „Transformation der EU in eine neoliberale Modernisierungsmaschinerie“, habe das hehre europäische Projekt „zu einem bloßen Kooperationsgeschäft europäischer Eliten zurückgestuft“.

Rezension: Prof. Dr. Edgar Wolfrum

Lutz Raphael
Jenseits von Kohle und Stahl
Eine Gesellschaftsgeschichte Westeuropas nach dem Boom
Suhrkamp Verlag, Berlin 2019, 525 Seiten, € 32,–

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