Wilde Fleckchen - wissenschaft.de
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Wilde Fleckchen

Sieht man sich um in der Welt, kann man schon zum Menschenfeind werden. Wo einst Vielfalt herrschte, regiert heute die Einfalt. Alle stapfen durch austauschbare Städte, tragen die selben langweiligen Klamotten, stopfen sich mal Sushi oder Smoothies, mal Quinoa rein oder schütten sich den Einheitskaffee in den langweiligen Alltag. Was für Menschen gilt, scheint auch auf die Natur zuzutreffen: Wildnis ist bezwungen, ist zivilisiert, hat ihre Refugien zugeteilt bekommen. Und dort hat sie zu bleiben. Ihrer Bewegungsfreiheit, ihrer Gefahr beraubt, behindertengerecht und für Pauschaltouristen geeignet. Harmlos, langweilig, vorhersehbar.

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn jenseits der gleichgestellten Langeweile gibt es das noch: Wildes Land! Unberechenbar! Rätselhaft, schwer zu erreichen – und lebensgefährlich!

Da wäre zum Beispiel der idyllisch gelegene Nyos-See in Kamerun. Grüne Landschaft, fein geschwungene Berge, ein Gewässer, das zum Baden einlädt. Auf den ersten Blick. Aufgrund einer Laune der Natur sammelt sich tief in den dunklen Wassern Kohlendioxid. Bis das Wasser gesättigt ist. Im August 1986 nahm die Katastrophe ihren Lauf; große Mengen des geruchlosen Gases poppten an die Oberfläche und legten sich wie eine Decke über die umliegenden Dörfer. 1746 Menschen starben durch das Rülpsen des Sees.

Der Dome Argus verheimlicht nicht einmal seine Lebensfeindlichkeit. Mitten in der Antarktis, auf mehr als 4000 Metern Höhe gelegen, wurde hier im Jahr 2010 die bisher tiefste Temperatur auf dem Planeten gemessen: minus 93 Grad Celcius. Definitiv kein Ort zum Urlaubmachen.

Doch solcherlei Orte liegen nicht nur weit, weit weg. Auch der See Loughareema in Nordirland hat durch sein unvermutetes Auftauchen schon Tote gefordert. Und dass es in Tschernobyl ungesund ist, muss wohl niemandem gesagt werden.

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Gleichwohl heißt Gefahr nicht unbedingt Lebensfeindlichkeit. So kann sich die Natur in Tschernobyl wieder nahezu unbehelligt austoben. Das Ergebnis ist eine bizarre Wildnis. Weniger bizarr als vielmehr ursprünglich zeigt sich Natur im Yasuni-Nationalpark in Venezuela. Die Vielfalt des Lebendigen in diesem Tropenwald ist höher als irgendwo sonst. Kein Wunder, konnte sich das Leben doch in Äonen ¬immer weiter spezialisieren, sich eine hübsche Nische suchen und perfektionieren.

Und so führt das Buch um die Welt. Es geht in die Kälte genauso wie in die Hitze. In die Tiefsee genauso wie in die artenreichsten Regenwälder. Facettenreich und doch mit einem Blick aufs Wesentliche, Spannende und manchmal Tragische zeigt uns Chris Fitch die wilden Fleckchen. Man hofft um unserer Selbst willen, dass es nicht die einzigen sind. Am Ende bleibt dennoch ein gutes Gefühl zurück: Der Planet hat, immer noch, einiges zu bieten und wir ¬Menschen sind längst nicht so wichtig, wie wir uns immer nehmen.

Chris Fitch
Atlas der ungezähmten Welt
Brandstätter, 208 Seiten, 29,90 €

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