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Philipp Höhn

Zwischen Gewalt und Gericht

dam0721bue07.jpgDer hansische Handel, das darf als Forschungskonsens gelten, beruhte wesentlich auf den korporativen Vorstellungen niederdeutscher Kaufleute und den von ihnen etablierten, Europa überspannenden Netzwerken. Was aber, so fragt Philipp Höhn, wenn in dieser auf den ersten Blick so sehr auf Konsens und Vertrauen angewiesenen Netzwerkgesellschaft etwas schiefläuft, wenn es zum Streit kommt?

In seiner Frankfurter Dissertation hat Höhn untersucht, wie Hanse-Kaufleute Konflikte untereinander austrugen. An zahlreichen Beispielen kann er zeigen, wie vielfältig die Möglichkeiten zwischen Rechtsweg und sozialer, informeller Aushandlung waren. Denn entgegen älteren Vorstellungen war der Hanseraum geprägt von einem ausgesprochenen Rechtspluralismus, der ganz unterschiedliche Normensysteme und Alternativen der Rechtsnutzung bot. Im internationalen Handel ist das heute noch ein Problem: Wessen Recht gilt eigentlich im Konfliktfall?

Entsprechend spielt auch das „komplementäre Konfliktmittel“ der Gewalt, also kurz gesagt: die Fehde zu Land und zu Wasser, in Höhns Studie eine wichtige Rolle. Nicht nur der legendäre Klaus Störtebeker, auch der Lübecker Kaufmann von nebenan konnte schon einmal zur gewaltsamen Wegnahme von Handelsgut greifen, wenn er sich mit seinen Forderungen im Recht sah. Blieb es beim schriftlichen Austragen von Konflikten, waren Angriffe auf Ehre und Vertrauen wichtige Mittel, um das Gegenüber gezielt unter Druck zu setzen. Schließlich hing die Kreditwürdigkeit und damit die gesamte ökonomische Existenz daran.

Höhns Studie rüttelt an der Vorstellung von den friedliebenden Kaufleuten, die lange vor dem Durchbruch der Staatlichkeit die Etablierung eines klar geordneten Justizsystems gefordert und befördert hätten, nur weil Konflikte typischerweise den Handel stören. Vielmehr beschreibt sie Mittel und Wege der Konfliktaustragung als Optionen für ein erfolgreiches Handeln des Einzelnen in Wirtschaft und sozialer Umwelt, mal mit mehr, mal mit weniger Gericht, mal mit sozialem Druck, mal mit offener Gewalt. Vieles funktionierte auch bei den Hanse-Kaufleuten durch Schlichtung. Die Nutzung des Rechtsweges diente dann vor allem dazu, dafür den nötigen Druck aufzubauen.

Diese Arbeit ist eine spannende Lektüre. Sie beschreibt hansischen Handel und hansische Konfliktkultur konsequent aus der Handlungsperspektive, fragt also nicht so sehr, was „die Hanse“ war, sondern vielmehr, was „die Hansen“ taten. Das wirft eine frische Perspektive auf vermeintlich bekannte Gegenstände, die viele Anschlussstellen offenlegt – übrigens nicht nur für die Geschichtswissenschaften, sondern auch für die vergleichende Rechtsgeschichte und die Forschungen zum internationalen Privatrecht.

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Rezension: Prof. Dr. Hiram Kümper

Philipp Höhn
Kaufleute in Konflikt
Rechtspluralismus, Kredit und Gewalt im spätmittelalterlichen Lübeck
Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York 2020, 429 Seiten, € 45,–

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