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Auslese: Was Forscher diese Woche sonst noch entdeckt haben

Die Woche begann gleich mit einer negativen Nachricht: Die mutmaßlichen Überreste der allerersten Lebensformen auf der Erde ? kleine Kohlenstoffeinschlüsse in eisenhaltigen Bändererzen aus Grönland ? sind vielleicht doch nicht ganz so spektakulär alt wie gedacht. Bisher hatten Forscher angenommen, die Kohlenstoffkörnchen seien vor über 3,8 Milliarden Jahren während der Bildung des Gesteins darin eingeschlossen worden und folglich ebenso alt. Diese Vermutung stützte sich allerdings auf das Ergebnis von Experimenten, bei denen Bändererzproben samt Einschlüssen pulverisiert und im Ganzen untersucht worden waren. Ein US-Geologenteam hat nun aber ein ähnliches Gestein mit ebensolchen Einschlüssen aus Kanada ganz genau unter die Lupe beziehungsweise das Mikroskop genommen ? und zwar ohne die beiden Bestandteile zu vermischen. Ergebnis: Das Erz hat völlig andere Temperaturveränderungen mitgemacht als die Graphitstückchen darin, die Kohlenstoffablagerungen können also erst lange nach der Bildung in das Gestein gelangt sein, beispielsweise durch das Einsickern von Wasser. Demnach könne man nicht grundsätzlich annehmen, dass Einschlüsse und Eisensteine gleichzeitig entstanden ? und sollte daher dringend die grönländischen Proben erneut untersuchen, um zu testen, ob das dort der Fall war. (Dominic Papineau, Carnegie Institution of Washington, et al.: Nature Geoscience, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1038/ngeo1155)

Weiter geht es zu einer zwar weniger grundlegenden, aber dennoch sehr beliebten Frage: Kann man in einer zähen, schleimartigen elastischen Flüssigkeit ? alternativ: Götterspeise oder Pudding ? schwimmen, und wenn ja, wie schnell? Während der Test am Menschen noch aussteht, können zwei amerikanische Forscher diese Frage jetzt zumindest für sich dahinschlängelnde Fadenwürmer beantworten: Elastische Flüssigkeiten bremsen die Tiere aus. Das sei so noch nie nachgewiesen worden, betonen die beiden Ingenieure. Zwar habe man gewusst, dass es sich in hochviskosen, also sehr zähflüssigen, Flüssigkeiten schlechter schwimmen lässt als in weniger zähen. Ob das jedoch auch für elastische Fluide gilt, die die Tendenz haben, nach einer Verformung wieder ihre ursprüngliche Form anzunahmen ? ein Beispiel wäre Speichel ?, sei unklar gewesen. Erklären lässt sich die Bremswirkung vermutlich wie folgt: Wenn sich der Wurm, der übrigens nicht einmal einen Millimeter misst, durch eine elastische Flüssigkeit arbeitet, zieht seine Bewegung die meist verknäuelt vorliegenden Polymere in die Länge, denen das Fluid seine Elastizität verdankt. Dadurch steigt kurzfristig die Viskosität, als die Zähflüssigkeit, was wiederum den Widerstand erhöht, den das Würmchen überwinden muss. Ob und wenn ja, welche praktische Anwendung die Erkenntnisse einmal haben könnten, dazu lassen sich die Forscher übrigens nicht aus. (Xiaoning Shen und Paulo Arratia, Penn State University: Physical Review Letters, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1103/PhysRevLett.106.208101)

Im Gegensatz dazu liegt zwar die praktische Anwendung der Arbeit von Erik Tracy und Nicholas Satariano von der University of Ohio auf der Hand, hier ist es jedoch der Nutzen, der etwas fraglich erscheint: Die beiden Psychologen haben entdeckt, dass man allein anhand der Aussprache von Vokalen unterscheiden kann, ob ein ? männlicher ? Sprecher homo- oder heterosexuell ist. Schon in früheren Studien hatte sich dieser Effekt gezeigt, damals hatten die Tester ihre Probanden jedoch ein vollständiges, einsilbiges Wort aussprechen lassen. Tracy und Satariano zeichneten für ihre Studie erneut kurze Worte, gesprochen von jeweils sieben homosexuellen und sieben heterosexuellen Männern, auf und spielten die Aufnahmen ihren Testhörern vor ? entweder vollständig oder so verkürzt, dass die Zuhörer nur den ersten Buchstaben, einen Konsonanten, oder die ersten beiden Buchstaben, einen Konsonanten und einen Vokal, hörten. Ergebnis: Der erste Buchstabe allein reichte nicht aus, um irgendwelche Schlussfolgerungen zu ziehen, die Zuhörer rieten lediglich. Die Kombination aus erstem und zweitem ließ die Trefferquote dann auf 75 Prozent ansteigen, berichten die Forscher. Das sei nur leicht unter der, die bei einem ganzen Wort erzielt werde. Der erste Vokal eines Wortes sei demnach der Schlüsselfaktor beim Zuordnen der sexuellen Orientierung. Wie genau sich die Aussprache zwischen homo- und heterosexuellen Männern unterscheide, sei bisher aber noch nicht klar. (Erik Tracy, Nicholas Satariano, University of Ohio: Beitrag auf dem Jahrestreffen der Acoustical Society of America, Seattle)

Eine klare Aussprache ist eine der Fähigkeiten, die bei Schlafmangel leiden, ebenso wie die Erinnerungsfähigkeit. Für letzteres hat eine große US-Forschergruppe jetzt einen Schuldigen dingfest gemacht: Bei Schlafmangel steigt im Hippocampus, einer für das Gedächtnis entscheidenden Hirnregion, die Menge an Adenosin an. Dieser Botenstoff, der aus dem Bio-Energieträger ATP hergestellt werden kann, beeinträchtigt die Funktion des Hippocampus. Gezeigt haben die Wissenschaftler das bei Mäusen, bei denen sie entweder die Adenosin-Bildung durch eine gentechnische Veränderung stoppten oder aber die Andockstellen für das Molekül mit Hilfe eines Medikaments blockierten. In beiden Fällen hätten die Tiere nach einer äußerst unruhigen Nacht, in denen sie mehrmals von den Forschern geweckt wurden, keine der typischen Verhaltensveränderungen gezeigt, die normalerweise bei Schlafmangel auftreten. „Diese Mäuse registrieren überhaupt nicht, dass sie eigentlich unter Schlafentzug leiden“, bringt es Studienleiter Ted Abel auf den Punkt. Auf Basis dieser Ergebnisse könnte es in Zukunft möglich sein, Wirkstoffe zu entwickeln, die gezielt den Adenosinanstieg verhindern oder seine Wirkung blockieren, glauben die Forscher. Damit könnten dann die zum Teil gefährlichen Nebenwirkungen von Schlafmangel etwa bei medizinischem Notfallpersonal gezielt vermieden werden. Eine derartige Behandlung kennen Wissenschaftler übrigens bereits: eine gute Tasse Kaffee ? das Koffein wirkt dem Adenosin ebenfalls entgegen. (Cédrick Florian, University of Pennsylvania, et al.: The Journal of Neuroscience, Bd. 31, S. 6956)

Ebenfalls mit dem Hirn hat die nächste Meldung zu tun: Selbiges benötigt offenbar sehr viel weniger Detailinformationen, um ein Bild zu erkennen, als bisher angenommen. Gezeigt hat sich das in einer Studie, in der Wissenschaftler ein paar Freiwilligen Fotos und Strichzeichnungen von Stränden, Autobahnen, Wäldern, Bergen und Büros vorlegten und dabei die Hirnaktivität aufzeichneten. Die Testgucker konnten nicht nur beide Bildervarianten trotz der fehlenden Details auf der Strichzeichnung praktisch gleich gut erkennen, auch das Muster der beteiligten Hirnareale war so gut wie identisch, beobachteten die Forscher. Das bestätigte sich, als sie eine Software entwickelten, die aus einem vorliegenden Aktivitätsmuster auf das gesehene Bild schließen konnte: Das Programm arbeitete immer gleich gut beziehungsweise schlecht ? egal, ob das Muster der Fotobetrachtung oder das der Strichzeichnungen ausgewertet wurde. Diese Fähigkeit des Gehirns, aus wenig Information so viel wie möglich herauszuholen, erkläre möglicherweise, warum Strichzeichnungen praktisch sei Anbeginn der Menschheit so beliebt waren ? als Kunstform und auch als Mittel, Informationen weiterzugeben, sagen die Wissenschaftler. (Dirk Walther, Ohio State University, et al.: PNAS, Online-Vorabveröffentlichung, doi: 10.1073/pnas.1015666108)

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Zum Schluss noch eine gute Nachricht für alle Astronauten, Weltraumtouristen und solche, die es werden wollen: Es gibt jetzt das erste Bier, das speziell für den Konsum im Weltall entworfen und gebraut wurde. Der Geschmack sei etwas kräftiger als der irdischer Biervarianten, geben die australischen Erfinder des Getränks an, und zwar um den Verlust der Geschmacksempfindlichkeit durch das Anschwellen der Zunge in der Schwerelosigkeit auszugleichen. Auch getestet wurde das Bier bereits ? und zwar von einem Experten auf einem Parabelflug. Nicht gelöst haben die Tüftler bisher jedoch das Problem der Kohlensäure beziehungsweise der daraus entstehenden Kohlendioxidbläschen: Die steigen aufgrund der fehlenden Schwerkraft nämlich nicht einfach nach oben und verflüchtigen sich, sondern verteilen sich einfach willkürlich in der Flüssigkeit. Nimmt man diese dann zu sich, entsteht im Magen ein schaumiges Durcheinander ? und das ist alles andere als bekömmlich. ( New Scientist)

wissenschaft.de ? Ilka Lehnen-Beyel
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