Das Ende der Ära Gutenberg - wissenschaft.de
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Technik+Digitales

Das Ende der Ära Gutenberg

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Das elektronische Papier kommt, der Drucker geht. Eine US-Firma bringt elektronisches Papier auf den Markt, das sich beliebig oft löschen und wiederbeschreiben läßt. Naht damit das Ende des gedruckten Buches und der Tageszeitung?

Smith Place 29, Cambridge, ein grauer fensterloser Flachdachbau. Eine bescheidene Behausung für ein Unternehmen mit einem so anspruchsvollen Ziel: E-Ink will nichts weniger als den Buchdruck abschaffen. Drinnen sieht es auch nicht besser aus: Winzige Büros und ein chemisches Labor mit tausenden bunten Fläschchen, die allein schon vom Anschauen einen leichten Juckreiz erzeugen. Immerhin, der Empfang ist freundlich. „Willkommen Bild der Wissenschaft“ steht in großen blauen Lettern auf einer Tafel. Vielmehr stand, denn plötzlich ist die Schrift verschwunden und wie von Geisterhand erscheint jetzt ein Werbeslogan der Firma. Zehn Sekunden später ist der alte Text wieder da. Ziemlich beeindruckend, das elektronische Papier: Der Hintergrund ist gleichmäßig tiefblau, die Buchstaben sind papierweiß. Geht man ganz nah ran, sieht es so aus, als würde von hinten feiner Schnee auf die Tafel rieseln, wenn ein Buchstabensegment von blau auf weiß wechselt. Das elektronische Papier besteht aus Millionen nur 40 Mikrometer kleinen, transparenten Plastikkügelchen, die wie ein Lack auf eine Folie aufgebracht werden. In den Kügelchen ist eine blaue oder rote ölige Tinte eingeschlossen, in der weiße Farbpigmente schwimmen. Dieser weiße Staub ist negativ geladen. Legt man über hauchdünne Elektroden auf der Vorder- und Rückseite der Folie ein schwaches elektrisches Feld an, werden die weißen Pigmente in den Plastikkügelchen je nach Feldrichtung entweder nach oben gedrückt – das Kügelchen wird weiß – oder nach unten gezogen – das Kügelchen erscheint in der Farbe der Tinte. Ein farbiges Kügelchen macht aber noch keine Schrift. Erst wenn viele dieser mit bloßem Auge fast unsichtbaren Farbtupfer im richtigen Muster angeregt werden, ergeben sie einen Buchstaben oder gar einen ganzen Text. Das Herstellungsverfahren der Kügelchen ist streng gehütetes Betriebsgeheimnis. Die E-Ink-Kügelchen sind eine echte Revolution, vergleichbar mit der Erfindung der beweglichen Lettern durch Johannes Gutenberg. Rund 550 Jahre wurden Bücher und Zeitungen hergestellt, indem im Prinzip Farbe nach einem bestimmten Muster auf Papier gestempelt wird. Einmal bedruckt, ändert eine Seite ihr Aussehen nicht mehr. Anders bei E-Ink: Die Tintenkügelchen können mehrere Millionen Mal ihre Farbe wechseln – das löschbare und immer wieder neu beschreibbare Papier oder gar Buch ist damit in greifbare Nähe gerückt. Besonders einleuchtend wird der Nutzen bei der Tageszeitung: Ist sie ausgelesen, wird sie weggeworfen oder höchstens noch zum Einwickeln von Biomüll verwendet. Das elektronische, mit E-Ink beschichtete Papier dagegen könnte jeden Morgen auf Knopfdruck aus dem Internet mit den aktuellen News des Tages gefüttert werden.

Eines der Probleme, die E-Ink noch Kopfzerbrechen bereiten, ist die Frage, wie man jedes einzelne Tintenkügelchen separat ansteuert – nur dann erscheinen Schriften gestochen scharf und Bilder detailgetreu. Im Prinzip müßte man auf die Folie, die die Tintenkügelchen trägt, ein feines Maschennetz aus tausenden Leiterbahnen und Transistoren aufbringen – ähnlich wie bei modernen LCD-Computerbildschirmen. E-Ink arbeitet deshalb mit den Bell-Labs von Lucent Technologies zusammen, die elektrische Schaltungen entwickelt haben, die komplett aus Kunststoff bestehen. Die könnten auf die Trägerfolie gedruckt werden, hinter jedem Kügelchen ein Transistor.

Während elektronische Bücher und Zeitungen noch ein paar Jahre Entwicklung vor sich haben, bringt E-Ink in diesen Wochen große Reklametafeln auf den Markt, die in Supermärkten Kunden über neue Angebote informieren, als Fahrzielanzeige in Bahnhöfen dienen oder den Speiseplan in der Werkskantine zeigen sollen. Bei Immedia Signs – so lautet der Produktname der Schrifttafeln, die wie übergroße Skateboards aussehen – sind die Buchstaben mehrere Zentimeter groß und wie bei heute üblichen Anzeigetafeln aus wenigen Segmenten zusammengepuzzelt. Dadurch ist der elektronische Aufwand zur Steuerung der Schrift relativ gering. Die nötigen Mikroprozessoren und Speicherchips sind in eine dünne Platte integriert, die auch das elektronische Papier trägt, und sind mit den Schriftsegmenten über Leiterbahnen und Elektroden verbunden. E-Ink hat eine Funktechnik entwickelt, mit der die Texte ferngesteuert in Sekundenschnelle geändert werden können.

Kommt damit endlich das papierlose Büro, das uns die Computerindustrie seit 20 Jahren verspricht? Die Chancen stehen gut. Nicholas Negroponte, Chef des MIT Medialab und Vordenker des digitalen Zeitalters, kennt einen ganz simplen aber wichtigen Test, den elektronische Bücher bestehen müssen: „Auf Bücher kann man draufstehen, um sich ein bißchen größer zu machen als man ist. Ich bin mal auf meinen Laptop getreten, das Ergebnis war eine Katastrophe.“ Das elektronische Papier würde diesen Test bestehen.

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Bernd Müller
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