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Der Mensch als Paßwort

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Biometrie heißt das Zauberwort, das mehr Sicherheit verspricht. Doch Datenschützer haben Bedenken.

Geld abheben ohne Geheimnummer, Zugangskontrolle zu Hochsicherheitsbereichen ohne Wachpersonal – immer häufiger dienen Körpermerkmale als Paßwort. Bei den Olympischen Spielen in Atlanta 1996 wurden Handscanner als Zugangskontrolle für sensible Gebäude eingesetzt, die amerikanische Einwanderungsbehörde fertigt privilegierte Reisende an einigen US-Flughäfen mit derselben Technik ab, Disneyland verlangt vor Eintritt in den Park einen elektronischen Fingerabdruck. So viel Sicherheit hat einen Namen: Biometrie. An die Stelle der „Verifikation durch Besitz“ (Chipkarte) und die „Verifikation durch Wissen“ (Geheimnummer) tritt die „Verifikation durch physiologische und verhaltenstypische Charakteristika“, wie es die Fachleute ausdrücken. Die Vorteile liegen auf der Hand: Eine Chipkarte kann man verlieren oder stehlen, eine Geheimnummer kann man vergessen oder knacken – doch Fingerabdruck, Iris, Gesicht oder Stimme hat man immer bei sich. Dabei sind die meisten Körpermerkmale so individuell, daß man damit Personen eindeutig identifizieren kann, und außerdem ist es fast unmöglich, sie zu fälschen. So schätzt die US-Firma IriScan, daß die Wahrscheinlichkeit, zwei identische Irismuster zu finden, 1 zu 10 hoch 52 ist – und damit noch unvorstellbar geringer ist als die Wahrscheinlichkeit, zwei identische Fingerabdrücke zu finden. Ein anderes Problem ist die Rechenzeit. Wenn erst einmal Millionen Bankkunden per Fingerabdruck Geld abheben, dauert es Stunden, bis die Datenbank nach dem passenden Vergleichsabdruck durchforstet ist. „In Zukunft wird man Biometrie deshalb mit einer Chipkarte kombinieren“, versichert Dr. Manfred Bromba, Leiter der Biometrie-Entwicklung bei Siemens. Das könnte dann so aussehen: Die Person steckt die Karte in den Automat und identifiziert sich als Kunde. Erst dann öffnet sich die Abdeckung des Fingerabdrucksensors, um diesen vor Vandalismus zu schützen. Der Kunde legt seinen Finger auf den Sensor, und dieser vergleicht das Muster mit dem Datensatz, der auf der Karte verschlüsselt ist und deshalb nicht über eine Datenbank abgefragt werden muß. Der Fingerabdruck dient demnach als Ersatz der Geheimnummer. Ein Diebstahl der Karte lohnt nicht, weil der passende Fingerabdruck fehlt.

Die Vision von George Orwells Großem Bruder und seinem totalen Überwachungsstaat liegt zu nahe. Mit Fingerabdrucksensoren in Türklinken, versteckten Videokameras mit Iriserkennung oder Minilabors in Alltagsgegenständen, die aus Hautzellen das Erbgut bestimmen, wüßten Staat und Wirtschaft jederzeit, wo wir uns aufhalten und was wir gerade tun. Axel Munde vom Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) nennt noch andere Möglichkeiten: „Mit einem Retinascanner ließe sich feststellen, ob jemand letzte Nacht zuviel getrunken hat, und eine DNA-Analyse könnte Versicherungen Aufschluß über mögliche Erbkrankheiten geben“, warnt er.

Doch nicht immer sind es Ängste wegen des Datenschutzes, wenn eine biometrische Prüfung von Testpersonen nicht akzeptiert wird. So ist das Geflecht aus Blutgefäßen auf der Netzhaut des Auges so individuell wie ein Fingerabdruck. Doch Retinascanner leuchten in das Auge, was niemand besonders angenehm findet. Die Fingerabdruckmethode wird beim Handy klaglos akzeptiert, doch am Bankautomat könnte der Gedanke an eine Polizeikontrolle Kunden hemmen. Am ehesten werden Prüfmethoden hingenommen, die die Menschen gewöhnt sind – allen voran die Gesichtserkennung. Ob man sein Gesicht dem Pförtner zeigt oder einer Videokamera, ist letztlich egal. Das gleiche gilt für die Unterschriftenerkennung: Vor druckempfindlichen Schreibtabletts, die insbesondere die Bewegung der Hand und die Schreibgeschwindigkeit analysieren, müssen sich eigentlich nur Betrüger fürchten.

Bernd Müller
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