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Die Probleme der Welt meistern

Ob Klimawandel, Artensterben, Müllberge oder die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung – viele Umweltkrisen sind miteinander verknüpft und erfordern schnelles Handeln. Die gute Nachricht: Es gibt mächtige Hebel, um die Aufgabe zu lösen.

von ULRICH EBERL

Mindestens eine Schweigeminute wäre angebracht, wenn sich ab dem 6. November Vertreter von fast 200 Staaten in der ägyptischen Touristenhochburg Scharm el-Scheich zur 27. UN-Klimakonferenz treffen – und ebenso, wenn sie knapp vier Wochen später, am 7. Dezember, die 15. Weltnaturkonferenz im kanadischen Montréal eröffnen werden. Eine stille Minute, in der diese Abgesandten der Menschheit ein Foto betrachten: die Erde als blau schimmernde Murmel, wie sie über der staubigen Oberfläche des Mondes aufgeht. Diese kleine fragile Kugel beheimatet alles Leben, das wir kennen.

Im Dezember 2022 ist es 50 Jahre her, dass Eugene Cernan als bislang letzter Mensch, der einen fremden Himmelskörper besuchte, die Heimreise vom Mond antrat. „Wir waren aufgebrochen, den Mond zu erkunden, und entdeckten die Erde“, lautet ein berühmtes Zitat des Apollo-8-Astronauten William Anders. Und der Astrophysiker Carl Sagan schrieb, als er die Aufnahme der fernen Erde mit ihrer dünnen Lufthülle vor der schwarzen Leere des Alls sah: „Dieses Foto zeigt uns, dass von außen keine Hilfe kommen wird, um uns vor uns selbst zu retten.“

Weit entfernt von Nachhaltigkeit

Der berührende Blick vom All auf die Erdkugel hätte der Startpunkt sein können – oder müssen – für globalen Umwelt-, Klima- und Artenschutz und nachhaltigeres Wirtschaften. Doch das Gegenteil war der Fall. Zur Zeit der Mondlandungen überstieg der ökologische Fußabdruck des Menschen erstmals die biologische Kapazität der Erde. Heute nutzen wir die Ressourcen unseres Planeten nach Berechnungen des Global Footprint Network bereits 1,7-mal so schnell, wie sie sich regenerieren können – und wenn wir so weitermachen, bräuchten wir 2050 drei Erden, um nachhaltig zu wirtschaften.

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Seit den Apolloflügen hat sich die Weltbevölkerung mehr als verdoppelt, der Welthandel verzehnfacht, die Produktion von Kunststoffen sogar verzwanzigfacht. Die Menschheit bläst heute doppelt so viele Treibhausgase in die Luft wie vor 50 Jahren. Und laut dem World Wide Fund for Nature (WWF) schreitet das Artensterben rasant voran: Zwei Drittel aller wilden Wirbeltiere – Säugetiere, Vögel, Fische, Reptilien und Amphibien – sind im letzten halben Jahrhundert von der Erde verschwunden.

Die Mahnung des Club of Rome

1972 wurden auch die „Die Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht. Diese Studie im Auftrag des Club of Rome ist eines der erfolgreichsten Bücher aller Zeiten – und eines der umstrittensten. Denn die Autoren prophezeien der Menschheit den Kollaps, verursacht durch knapper werdende Rohstoffe und Nahrungsmittel sowie durch Umweltverschmutzung. Nach ihren Computersimulationen würde der Zusammenbruch vermutlich zwischen 2030 und 2050 stattfinden. Aufzuhalten wäre er nur mit massiven Maßnahmen zum Umweltschutz, zum Umbau der Wirtschaft sowie zur Wiederverwendung von Rohstoffen, mit hohen landwirtschaftlichen Erträgen und niedrigen Geburtenraten.

Inzwischen sind 50 Jahre vergangen, und wir nähern uns rapide der kritischen Phase der damals genannten Szenarien. Immerhin: Ganz tatenlos war die Welt nicht. Seit 30 Jahren – seit dem Nachhaltigkeitsgipfel 1992 in Rio de Janeiro – treffen sich regelmäßig Experten, um den Klimaschutz voranzubringen. Ebenso lange gibt es die weniger bekannten Biodiversitätsgipfel, bei denen es um die biologische Vielfalt und den Artenschutz geht. Doch die Warnungen werden immer lauter, dass den vielen Worten zu wenige Taten folgen. Neben der Protestbewegung „Fridays for Future“ beherrschen Ökoaktivisten die Schlagzeilen – etwa die der „Letzten Generation“ und „Extinction Rebellion“, deren Mitglieder sich mit den Händen auf Straßen festkleben oder Brücken und Flughäfen blockieren. Sie fürchten den Artenschwund und die Auslöschung der Menschheit und sehen sich als letzte Generation, die dagegen noch vorgehen kann. Auch Fachleute werden nervös. Im August 2022 veröffentlichte ein internationales Team von Wissenschaftlern, darunter der Gründer des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) Hans Joachim Schellnhuber und der heutige PIK-Direktor Johan Rockström, im Fachmagazin PNAS eine Studie, die sie „Climate Endgame“ (Klima-Endspiel) betitelten. Denn die Wahrscheinlichkeit für ein Worst-Case-Szenario sei alles andere als Null, meinen die Forscher.

Mehr als drei Grad plus bis 2100?

So warnte der Weltklimarat IPCC vor wenigen Monaten, dass mit den derzeitigen Maßnahmen die Welt bis 2100 auf eine Temperaturerhöhung von 3,2 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau zusteuere. Selbst wenn alle hehren Versprechungen, die 2021 auf der Glasgow-Konferenz abgegeben wurden, umgesetzt würden, stiege die Fieberkurve der Erde um 2,1 bis 2,4 Grad. Sie läge somit deutlich über dem Zwei-Grad-Ziel, das beim Klimagipfel 2015 in Paris als weltweite Obergrenze beschlossen worden war. Und eine Erhöhung in diesem Ausmaß, insbesondere über drei Grad Celsius hinaus, gehört nach der PNAS-Studie bereits zu den katastrophalen Szenarien.

Dann würden nicht nur Hitzewellen und Dürren, Überschwemmungen und Stürme drastisch zunehmen, sondern auch Ernteausfälle, Infektionskrankheiten und das Artensterben. Viele „Dominosteine“ könnten kippen: Regenwälder könnten zu Savannen werden, große Teile Grönlands und der Antarktis unumkehrbar schmelzen, Permafrostböden riesige Mengen an Methan freisetzen – und all das würde die Temperaturen weiter in die Höhe treiben. Vielleicht das Schlimmste aber wäre, dass dann schon um das Jahr 2070 herum mehr als zwei Milliarden Menschen lebensfeindliche Regionen mit Jahresmittelwerten von über 29 Grad Celsius bewohnen müssten, Tag und Nacht bei brütender Hitze. Das wären 70 Mal so viele wie heute – mit fatalen Folgen: Migrationswellen, Wirtschaftskrisen, internationalen Konflikten und Kriegen.

Rationales Denken statt Angst

Doch was folgt daraus? Sollen wir in Panik verfallen? Sicher nicht – rationales Denken ist allemal besser als lähmende Angst, Frustration und Wut. Wie erfolgreich Wissenschaft sein kann und wie schnell die Welt bei existenziellen Bedrohungen reagieren kann, hat sich ja soeben eindrucksvoll bei der Entwicklung von Impfstoffen gegen das neue Coronavirus gezeigt.

Auch was angesichts der Umweltkrisen zu tun ist, wissen die Experten längst. Die Weltwirtschaft muss von Grund auf umgestaltet werden. Dekarbonisierung heißt das Motto – weg vom kohlenstoffreichen „Energydrink“ der fossilen Energien: Künftig müssen wir Strom gewinnen ohne Kohle, mobil sein ohne Öl, heizen ohne Erdgas, bauen ohne Beton, wirtschaften ohne Müll, denken in Kreisläufen und uns nachhaltiger ernähren – kurz: leben mit der Natur, nicht gegen sie. Das sind enorme Herausforderungen, doch es ist keineswegs unmöglich, die Wende zu meistern.

©bdw-Grafik/Karl Marx

Denn nicht nur die Krisen hängen eng zusammen, sondern auch die Lösungen. So gilt auf der einen Seite: Wer Tropenwälder – ob für Palmöl-Plantagen oder Sojafelder – abholzt, der befördert das Artensterben und den Klimawandel, wodurch wiederum Wälder austrocknen und sich Infektionen rascher ausbreiten. Ähnliches geschieht, wenn Menschen in neue Gebiete vordringen und die globale Mobilität zunimmt, die ihrerseits wiederum den Klimawandel vorantreibt – um nur ein Beispiel für die komplexen Wechselwirkungen zu nennen.

Eine Win-win-Situation

Doch auf der anderen Seite beeinflussen sich auch die Lösungen gegenseitig: Wer Regenwälder und Feuchtwiesen schützt, nützt der Artenvielfalt und bremst den Klimawandel. Oder mit Blick auf die offenen Müllkippen in den ärmeren, bevölkerungsreichen Ländern Afrikas und Südostasiens: Die organischen Abfälle, die dort über die Hälfte des entsorgten Materials ausmachen, zersetzen sich zu Methan. Und diese chemische Verbindung hat als Treibhausgas eine 28 Mal so starke Wirkung wie Kohlendioxid (CO2). Eine geordnete Sammlung und Behandlung der Abfälle wäre eine Win-win-Situation für gleich mehrere Umweltprobleme: Damit würde nicht nur die Menge an Giftstoffen und Plastikmüll drastisch verringert, sondern es würden zugleich jedes Jahr mehr Klimagase eingespart als ganz Deutschland emittiert.

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