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„Die Welt der Energie wird deutlich bunter“

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André Thess ist seit 2014 Direktor des Instituts für Technische Thermodynamik des Deutschen Zentrums für Luft-und Raumfahrt und Professor für Energiespeicherung an der Universität Stuttgart. (Foto: DLR/Frank Eppler)
André Thess ist einer der führenden Energiespeicher-Forscher weltweit. Auch seine gesellschaftspolitischen Äußerungen sind außergewöhnlich – über die deutsche Energiewende, zum Tesla-Eigner Elon Musk und zu künftigen Energieversorgungsstrukturen.

wissenschaft.de: Wie beurteilen Sie die Energiewende, Herr Professor Thess?
André Thess: Die Energiewende ist der deutsche Beitrag zur Dekarbonisierung der globalen Energieversorgung. Das primäre Ziel ist es aber, weltweit die Emissionen von Kohlendioxid zu reduzieren. National ist gut, doch das reicht nicht: Wir müssen Maßnahmen rund um den Globus ergreifen.

Ist Deutschland damit nur ein Player unter vielen anderen?
Es ist gut, dass Deutschland zum Umbau des Energiesystems einen wichtigen Beitrag leistet. Doch Einschätzungen nach dem Motto: „Wir wollen der übrigen Welt zeigen, wo es lang geht“ finde ich nicht angemessen. Wir Deutschen neigen zu einer Art nationaler Besserwisserei. Wir sollten stattdessen alles dransetzen, hier eine europäische Vorgehensweise anzustreben.

Welche Rolle spielen Energiespeicher bei der Energiewende?
Als Energiespeicher-Forscher argumentiere ich in diesem Punkt ganz unbescheiden: Die Dekarbonisierung des weltweiten Energiesystems ohne Energiespeicher wäre in etwa so wie die erste industrielle Revolution ohne Dampfmaschine. Wie wir die Energie von Sonne und Wind in Elektrizität transformieren können, ist physikalisch im Prinzip bekannt. Wir müssen diese Transformation nur noch besser und billiger hinbekommen. Die große Herausforderung besteht für mich in der Entwicklung von leistungsfähigen, preiswerten und zyklenfesten Energiespeichern – deswegen bin ich an das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt gekommen.

Wie könnte die Dampfmaschine in diesem Bereich aussehen?
Die Welt der künftigen Energieversorgung wird deutlich bunter sein als bisher. Bei den Energiespeichern werden verschiedene Technologien nebeneinander bestehen. Unser Institut ist in den beiden großen Technologien „elektrochemische Energiespeicher“ – also Batterien, Brennstoffzellen, Elektrolyseure – und sogenannte thermochemische Energiespeicher – also Wärmespeicher und synthetische Treibstoffe – zu Hause: Wir decken damit fast die gesamte Bandbreite der Speichertechnologien ab.

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Die eine, große Lösung der Energiespeicherung von Strom wird es dann wohl gar nicht geben?
In Abwandlung des Spruches, dass es in Deutschland 80 Millionen Fußballbundestrainer gibt, kommt es mir oft so vor, dass wir auch 80 Millionen Energieexperten haben, die ganz genau wissen, was bis zum Jahr 2050 mit unserer Energieversorgung zu tun ist. Ich bin zwar Energieexperte, glaube aber nicht daran, dass wir heute vorhersagen können, wie unser Energiesystem dann genau aussehen wird. Wir Forscher tun gut daran, die Technologien in großer Breite zu erforschen. Wir sollten uns aber davor hüten zu behaupten, dass die Lösung in genau dieser oder jener Technologie besteht. Die künftigen Energiesysteme werden vielfältig und vermutlich regional sehr verschieden sein.

Viele Menschen sehen die Energiewende als gescheitert an.
Ich hielt den anfänglichen Hype um die Energiewende für übertrieben. Ebenso wie ich es für eine Übertreibung halte, wenn man heute sagt, sie sei gescheitert. Es handelt sich hier um einen langfristigen Prozess, der nicht allein national gemanagt werden kann, sondern zumindest europäisch, am besten weltweit zu organisieren ist. Bei aller Leistungsfähigkeit des deutschen Wirtschaftssystems sollten wir nicht davon ausgehen, dass allein wir wissen, wie die Welt zu retten sei. Nebenbei bemerkt: Über Weihnachten habe ich zwei Dokumente gelesen – die ausführliche Fassung der Beschlüsse des Pariser Klimagipfels und die Enzyklika des Papstes zur Verantwortung des Menschen für die Umwelt. Gewiss haben sich die Politiker bei der Formulierung der Beschlüsse große Mühe gegeben, doch das Dokument ist selbst für mich kaum lesbar. Obwohl ich Atheist bin, muss ich hingegen neidlos anerkennen, dass es Papst Franziskus gelungen ist, die Bedeutung des Kampfs gegen Klimawandel und Ressourcenverschwendung für einen Durchschnittsbürger verständlich darzustellen.

Kommen wir zur Batterieforschung. Wann gibt es dort den Durchbruch?
Bei der Batterieforschung haben wir es mit drei wichtigen Größen zu tun. Erstens mit der Speicherdichte – wie viele Kilowattstunden kann man in einem Kilogramm speichern? Zweitens mit der Zyklenzahl – also: Wie oft kann ich eine Batterie laden und entladen? Und drittens: Was kostet die Batterie? Wir Wissenschaftler arbeiten an der Verbesserung von allen drei Größen. Es wird in allen Bereichen signifikante Verbesserungen geben. Doch ich persönlich glaube, dass der Preis der wichtigste Faktor wird. Wenn wir die heutigen Kosten auf ein Zehntel drücken könnten, hätten wir das Problem der Elektromobilität in den Städten weitgehend gelöst, weil dann das Mittelklasse-E-Fahrzeug das Preisniveau eines heutigen Benziners erreicht hätte.

Besteht Hoffnung auf einen ähnlichen Preisverfall, wie wir ihn bei der Photovoltaik erlebt haben?
Mit den heutigen Anstrengungen können wir den Preis auf die Hälfte oder ein Drittel reduzieren. Ob wir ihn auf ein Zehntel nach unten bringen, kann derzeit niemand seriös prognostizieren.

Wie sehen Sie die lautstarken Diskussionsbeiträge von Elon Musk, dem Tesla-Eigner?
Meine Lebenserfahrung lautet: Angekündigte Revolutionen scheitern. Ich wünsche Herrn Musk viel Erfolg, würde aber an seiner Stelle die Revolution in der Speichertechnologie einfach umsetzen, anstatt sie anzukündigen. Ich glaube, der Markt wird entscheiden, was aus den Ankündigungen von Musk wird. Hans Werner Sinn, der ehemalige Präsident des Münchner ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, sagte einmal sehr treffend: „Dass so vieles nicht produziert wird, was die Ingenieure produzieren könnten, wenn man sie ließe, ist die eigentliche Leistung der Marktwirtschaft. Sie selektiert das Sinnvolle und verdammt das Unsinnige zur bloß ideellen Existenz in den Schubladen.“ Ich glaube fest an die Fähigkeit der Wissenschaft, bahnbrechende Technologien zu entwickeln. Ich glaube aber nicht an ihre Fähigkeit, den Markt vorherzusagen. Der Markt ist ein schwer berechenbares Wechselspiel aus Angebot und Nachfrage, welches durch die Einwirkung von Käuferpsychologie und Politik nicht einfacher wird.

Was wären für Sie spannende Produkte?
Zum Beispiel batteriebetriebene Mobilitätshilfen, die älteren Menschen eine bessere Beweglichkeit ermöglichen. Oder kleine emissionsfreie Flugzeuge, die von Batterien und Brennstoffzellen angetrieben werden. Ich sehe im Übrigen auch nicht ein, wieso ich meine Getränkekisten in den zweiten Stock wuchten muss, anstatt dies von einem batteriebetriebenen Personalroboter erledigen zu lassen.

Stellen wir uns einmal vor, wir hätten die wesentlichen Fragen der Erzeugung von regenerativem Strom und seiner Speicherung gelöst, wie würde sich dann der Umgang mit Energie beim Endverbraucher ändern?
Ich bin überzeugt, dass sich dann faszinierende Perspektiven für neue Energieprodukte auftun. Die Bedürfnisse und die Technologien zu ihrer Befriedigung müssen wir allerdings erst noch erfinden. Oder haben Sie etwa im Jahr 1980 das Bedürfnis nach einem Smartphone verspürt? Wenn nachhaltiger Strom und Speicher billig werden, könnte vielleicht sogar die Epoche des Energiereichtums kommen. Ich arbeite jedenfalls daran, dass Energie aus erneuerbaren Quellen und die Speicher dafür preiswert werden. Mein persönlicher Wunsch ist es, dass Energie eines Tages genauso preiswert und reichhaltig zur Verfügung steht wie Speicherplatz auf einer Festplatte.

Das Gespräch führten Ralf Butscher und Wolfgang Hess.

© wissenschaft.de – Ralf Butscher/Wolfgang Hess
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