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Technik|Digitales

Europas Stahlherstellung im Wandel: Vom Generalisten zum Spezialisten

Symbolbild Stahlindustrie
Europa ist die Wiege der industrialisierten Stahlherstellung – und geht auch weiterhin noch innovativ voran. (Bild: industrieblick / Adobe)

Über weite Teile der Industrialisierung schlug das „stählerne Herz“ der Welt in den USA und vor allem Europa. Längst hat China die Vorreiterrolle übernommen. Aufgegeben hat Europa deshalb aber noch lange nicht.

Wandel ist der zentrale Markenkern der Industrie. Immer geht es darum, riesige Mengen eines Produkts beständig günstiger und/oder hochwertiger zu machen. Allerdings gibt es durchaus Unterschiede in der Schwere des Wandels. Beim Stahl verlief dieser innerhalb von gut einem halben Jahrhundert enorm drastisch.

Anno 1967 war die Welt aus europäischer Stahlkocher-Sicht noch eine heile. Von den Top Ten der größten stahlproduzierenden Nationen lagen sechs in Europa, davon zwei im Ostblock. China lag auf Platz neun, erzeugte 10 Millionen Tonnen Rohstahl; die Gesamtproduktion der großen Zehn betrug 407 Millionen Tonnen.

49 Jahre später, 2016, hatte diese Welt einen dramatischen Wandel durchlebt. Europa war bis auf eine Nation, Deutschland, völlig von der Hitliste verschwunden. Dafür lag nun China uneinholbar an der Spitze – mit gut 800 Millionen Tonnen und somit allein zirka 700 Millionen Tonnen vor dem Zweitplatzierten, Japan. Dass die Stahlproduktion der Top Ten in diesem Jahr mehr als das Dreifache des Wertes von 1967 betrug, wird fast zur Randnotiz.

Tatsache ist, dass die heutige Masse des Stahls andernorts produziert wird. Allerdings heißt das nicht, dass es, abgesehen von Deutschland, keine genuine, europäische Stahlindustrie mehr gäbe. Nur liegt ihr Fokus auf anderen Gebieten.

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Europas Stahlkrise und Chinas Aufstieg

Woran liegt es, dass die Wiege der industriellen Stahlherstellung binnen weniger Jahrzehnte fast völlig verschwand – zumindest in Sachen Produktionsmenge pro Land?

Dahinter stecken zwei Gründe:

  • In den 1970ern endeten die Jahrzehnte des gigantischen europäisch-westlichen Nachkriegs-Wirtschaftsbooms. Es wurde weniger gebaut, die Energie- und vor allem Rohölpreise stiegen aufgrund der beiden Krisen 1973 und 1979 dramatisch an. Innerhalb des europäischen Wirtschaftsraumes kam es zudem nach Jahren des Zusammenwachsens zu einer Stagnation, der sogenannten Eurosklerose.
  • Die reduzierte Nachfrage sorgte für gigantische Überproduktionen. Gleichzeitig machten die gestiegenen Energiekosten die Produktion immer unrentabler und verhinderten eine Modernisierung. Das führte zu letztlich ruinösen Preiskämpfen.

Dadurch mussten zahllose europäische Werke ihre Pforten schließen, betroffen waren auch anhängige Industrien im Montansektor – die allerdings im Bereich der (deutschen) Kohle auch schon zuvor unter enormem Druck gestanden hatten. In der Folge wurde die europäische Stahlherstellung regelrecht gebeutelt.

  • In Großbritannien beispielsweise existieren heute (2021) gerade einmal noch zwei große Stahlwerke und insgesamt nur noch sieben Hochöfen, wo es 1960 noch 85 gewesen waren.
  • In Deutschland sind es immerhin noch 20 Hochöfen, doch auch hier sind die Zahlen beträchtlich gesunken: 1960 hatte allein West-Deutschland 129 Stück.

Gänzlich anders sieht es in China aus. Der Aufstieg der chinesischen Stahlherstellung begann zeitgleich mit dem Niedergang desjenigen Europas – zumindest, was die Massenstähle anbelangt. 1979 wurde in der Post-Mao-Aufarbeitung festgelegt, dass eine hochmoderne Stahlindustrie eine der Schlüsselpositionen für den Aufstieg sei. Dieses Selbstversprechen wurde minutiös eingehalten. Nicht zuletzt dank kräftiger westlicher Unterstützung wurde die Werke und auch Prozesse ab den 1980ern massiv modernisiert.

1987 lag das Land dadurch bereits an fünfter Stelle der Stahlmenge. In den folgenden Jahren wurden zudem auch die Verfahren modernisiert, wodurch sich Qualität und vor allem Effizienz verbesserten. Zum Jahrtausendwechsel stand China bereits an der Weltspitze – nicht zuletzt deshalb, weil der Aufbau des Landes einen gigantischen Stahlhunger erzeugte, welcher zudem die weltweiten Preise explodieren ließ.

Heute produziert das Reich der Mitte rund 60 Prozent des weltweiten Stahls, hat allein 260 Hochöfen mit einem Volumen über 1000 m³; in der EU sind es etwa elf Prozent und etwa 80 aktive Hochöfen (insgesamt), was die Union zwar auf dem Papier zum zweitgrößten Stahlhersteller der Welt macht, aber eben nur dort – da es keine einzelne Nation ist.

Europäischer Stahl heute: Klasse statt Masse

Angesichts dessen mag sich die Frage stellen, womit Europa in Sachen Stahlherstellung heute noch punkten kann. Vor allem ist es Qualität. Die Stahlkocher des Kontinents mussten in den letzten beiden Jahrzehnten vor dem Jahrtausendwechsel feststellen, dass sie keine Chance hatten, gegen Chinas mengenmäßigen Output anzukommen. Also fokussierten sie sich inmitten einer generellen Deindustrialisierung darauf, hochwertigere Stähle anzufertigen.

Verdeutlichen lässt sich dies nicht zuletzt anhand der zahlreichen Güteklassen allein im Bereich Bandstahl: Europas Stahlherstellung ist heute in der Masse eine, die sich auf Spezialstähle fokussiert hat, auf Rostfreies, auf Hochlegiertes, das schwierig zu fertigen ist. Solche Stähle werden zwar auf dem Weltmarkt längst nicht in einer solchen Menge nachgefragt, wie irgendein beliebiger Baustahl; doch wo sie benötigt werden, ist Qualität das allesentscheidende Kriterium.  

Hier zeigte sich in den vergangenen rund zwei Jahrzehnten, dass Europa im Vergleich zu China ein Vielfaches an Erfahrung in die Waagschale werfen konnte – Kapazitäten lassen sich mit genügend (politischem) Willen rasch ausbauen, jedoch gibt es kaum Wege, Jahrzehnte und Jahrhunderte des Lernens, der Forschung und Entwicklung wettzumachen. Denn, obwohl es letztlich bei der Stahlherstellung „nur“ um genügend Hitze geht, so sind die dahinterstehenden Verfahren doch im höchsten Maße kompliziert. Sie sind es vor allem dann, wenn es darum geht, einen hochwertigen Stahl auf industriellem Niveau in gleichbleibender Qualität zu produzieren.

Anders formuliert: Zigtausende Tonnen simplen Stahl zu produzieren, ist vergleichsweise einfach; einige Dutzend Tonnen hochwertigen Stahl zu fertigen, ist jedoch ungleich komplizierter.

Von Safeguards und aufschließenden Chinesen

Über lange Jahre fuhren Europas Stahlhersteller mit dieser Politik sehr gut. Die vergangenen zwei Jahrzehnte waren deshalb von einer – relativen – Sicherheit geprägt, die fast an die „gute alte Zeit“ erinnerte.

Doch abermals zeigte und zeigt sich, dass sich jenes eingangs erwähnte Rad des Wandels nicht aufhalten lässt. Denn Chinas Hunger nach steigender wirtschaftlicher Bedeutung ist weiterhin unbegrenzt. Und das Land lernt unheimlich schnell. So, wie es in den vergangenen Jahrzehnten an anderer Stelle bereits eine Politik des Aufkaufens ausländischer Unternehmen betrieb, verhält es sich neuerdings auch beim Stahl.

Anfang 2020 beispielsweise kaufte die chinesische Jingye Group den angeschlagenen Hersteller British Steel (nicht zu verwechseln mit dem 1999 in der Corus Group aufgegangenen, gleichnamigen Hersteller). Und schon 2016 hatte das Land durch den Kauf eines serbischen Stahlwerks den Zugang zu Europa gefunden. Die Auswirkungen allein in Sachen Wissenstransfer könnten bedenkliche Ausmaße annehmen. Zumal China natürlich selbst beständig forscht und weiterentwickelt – einen bestimmten Teilbereich einer Industrie der ausländischen Konkurrenz zu überlassen, widerstrebt nicht nur dem chinesischen, sondern generell kapitalistischen Denken.

Allerdings ist es nicht nur der Abfluss von Wissen, der für Europas Stahlhersteller so bedenklich ist. Es ist auch die Tatsache, dass China versucht, die globalen Märkte mit billigem Stahl zu fluten. Das kann das Land, weil es seine indigene Stahlherstellung staatlicherseits massiv subventioniert. Nachdem im Verlauf der 00er und 10er Jahre Chinas einheimischer Stahlhunger langsam gesättigt wurde, konnte das Land es sich erlauben, in immer größerem Stil zu exportieren. Dieser, ab zirka 2008 eingeleitete Prozess, beginnt nun, auf Europa Einfluss zu nehmen.

In einer ersten Reaktion einigte sich die EU Anfang 2019 auf die Einrichtung sogenannter Safeguards. Sie stehen jeder Nicht-EU-Nation festgelegte zollfreie Kontingente zu. Werden diese überschritten, fällt ein Wertzoll in Höhe von 25 Prozent an. Schnell jedoch zeigte sich – nicht zuletzt im Zuge der Coronakrise – dass diese Schutzmaßnahmen zu niedrig angesetzt waren. 2020 wurde nachgebessert, jedoch ohne reduzierte Freimengen, was vonseiten der europäischen Stahlhersteller massiv kritisiert wurde.

Die Zukunft muss grün sein

Dabei hat Europa nicht nur ein „chinesisches Problem“, sondern auch noch ein eigenes: Stahlherstellung benötigt eklatante Mengen von Energie, sorgt für dementsprechende CO2-Emissionen.

In einer Zeit, in der China nicht nur die Preise verwässert und immer bessere Qualität liefert, müssen Europas Stahlkocher deshalb auch gegen ihren eigenen Energiehunger ankämpfen. Aus eigener Kraft scheint dies kaum zu schaffen, so Experten. Nötig sei es deshalb nicht nur, dass die EU den generellen volkswirtschaftlichen Wert einer eigenen Stahlherstellung begreife, sondern auch durch Hilfen dazu beitrage, die Industrie hier zu halten.

Der nächste große Wandel, vor dem die europäische Stahlwelt steht, ist deshalb derjenige hin zu „grünem“ Stahl. Auch dafür hat die EU abermals deutlich bessere Karten. So befindet sich unter anderem Thyssen-Krupp derzeit in einem massiven Wandel, der schon Mitte der 2020er für die serienmäßige Produktion von klimaneutralem Stahl sorgen soll.

Das ist nicht nur eine Sache der Energie, sondern der Stahlrezeptur selbst – denn bislang sorgte Koks für die Entfernung von unerwünschtem Sauerstoff aus der Schmelze. Künftig soll dies mit Wasserstoff funktionieren. Der Wandel für Europas Stahlhersteller ist deshalb noch längst nicht abgeschlossen. Vielleicht stehen sie derzeit sogar vor ihrem bedeutsamsten Schritt in ihrer jahrhundertealten Geschichte.

10.05.2021

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