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„Forschung allein reicht nicht“

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Clas-Otto Wene hat Kernphysik studiert und am GSI Helmholtzzentrum für Schwerionenforschung in Darmstadt gearbeitet. Später war er Professor für Systemtechnik an der Technischen Hochschule Chalmers in Göteborg. Von 1997 bis 2003 war er für die Internationale Energie-Agentur in Paris tätig. (Foto: C. Romare)
Dass die Energiewende hierzulande noch ein Erfolg wird, daran zweifeln viele. Das Gegenteil sei der Fall, sagt der schwedische Energieexperte Clas-Otto Wene. Deutschland habe einen großen Vorsprung.

wissenschaft.de: Herr Wene, der Begriff Energiewende ist viel diskutiert. Versteht man in Deutschland und Schweden darunter eigentlich dasselbe?

Clas-Otto Wene: Das kommt ganz darauf an, wen Sie fragen. Die kernkraftfreundlichste Partei in Schweden, die liberale „Folkpartiet“, würde sagen: Es ist der Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen. Wenn Sie zu den Grünen und Linken gehen, würden die sagen: Energiewende ist der Ausstieg aus fossilen Energieträgern und Kernkraft verbunden mit dem Ausbau der Erneuerbaren sowie Energieeinsparungen. Das Spektrum ist in Deutschland ähnlich.

Wie erfolgreich sind die beiden Länder bei der Umsetzung?

Hier ist Deutschland heute wesentlich besser aufgestellt als Schweden.

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Warum das? Schweden hat doch heute schon einen hohen Anteil erneuerbarer Energiequellen und einen geringen CO 2-Ausstoß.

Ja, und die schwedischen Politiker tun gerne so, als wären sie besonders weitsichtig gewesen – und als sei das der Grund für den geringen CO 2-Ausstoß. Aber die heutige Lage ist historisch bedingt. Schon Anfang des 20. Jahrhunderts hat man den Nationalen Wasserfall-Vorstand gegründet und großflächig Wasserkraft gefördert. Dieses Agieren auf nationaler Ebene war der Grundstein dafür, dass die Wasserkraft in Schweden heute so verbreitet ist. In den 1950er und 1960er-Jahren kam dann die Atomenergie hinzu, auch die produziert wenig CO 2 und trägt heute noch zum Energiemix bei.

Warum sagen Sie dann dennoch, Schweden sei schlecht aufgestellt für die Energiewende?

Wir haben den Zug verpasst, was Solar- und Windkrafttechnologie angeht. Man hat zwar viel Geld in die Forschung für erneuerbare Energien gesteckt, aber für die Industrie war der Anreiz nicht groß genug, sich der Sache anzunehmen. Stattdessen haben vor allem die Kraftwerksbetreiber auf Kernkraft gesetzt. Bei den Erneuerbaren fehlen uns deshalb jetzt der Markt und auch die Kompetenz. Dabei hat Schweden eigentlich bessere Voraussetzungen dafür als Deutschland, weil es dünner besiedelt ist und damit mehr Platz für Windräder und Solaranlagen bietet.

Wie hat Deutschland es geschafft, sich trotzdem so gut auf die Energiewende vorzubereiten?

Der entscheidende Punkt sind die erfolgreichen Markteinführungsprogramme. Forschung allein bringt eine Technologie nicht auf den Markt, sondern es braucht das, was in Deutschland ab den 1990er-Jahren passiert ist: eine gesetzliche Priorisierung der erneuerbaren Energien zu einer Zeit, als die Kapazität der Windkraftanlagen gerade mal 250 Megawatt betrug. Dieses Gesetz hat Deutschland den entscheidenden Vorteil gebracht.

Die Bevorzugung der Erneuerbaren war und ist in Deutschland durchaus umstritten. Manche sprechen von übertriebenen Subventionen.

Ich sehe das anders als die meisten Ökonomen. Was sie als Subventionen bezeichnen, sehe ich als Investitionen ins Lernen, die am Ende die Kosten senken. Das Ganze lässt sich mit sogenannten Lernkurven erklären: Die Kosten sinken, wenn die Erfahrungen steigen, aber um Erfahrungen zu machen, braucht die Industrie den Markt. Markteinführungsprogramme wie das Stromeinspeisungsgesetz und das Erneuerbare-Energien-Gesetz initiieren den entscheidenden Lernzyklus.

Warum sollte man in neue, unausgereifte Methoden investieren? Könnte man nicht stattdessen Altbewährtes weiter verbessern?

Je älter die Technologie wird, desto weniger neue Erfahrungen macht man damit, desto weniger verändert sich. Lernkurven beschreiben vor allem die Entwicklung bei neuen Technologien, denn dort kann sich schon in kurzer Zeit viel entwickeln. Das wird ganz deutlich, wenn man sich die aktuelle Situation in Deutschland anschaut. In den letzten Jahren sind die erneuerbaren Energien so weit verbessert und ausgebaut worden, dass die Kapazitäten heute gut 38 Gigawatt im Solar- und mehr als 36 Gigawatt im Windbereich betragen.

Das alles war aus Ihrer Sicht also zum großen Teil ein Verdienst der Politik. Würden Sie sagen, die Energiepolitik ist heute von Umwelt- und Klimaschutz getrieben?

Die Umwelt und auch das Klima setzen nur den Rahmen, sind aber keine treibenden Kräfte. In Schweden baut man zum Beispiel die Wasserkraft nicht unendlich aus, weil sonst Rentierherden bedroht würden. Letztendlich ist aber die Energiepolitik immer der Industriepolitik untergeordnet. Das ist jetzt keine Werteaussage, ich beschreibe einfach, was ich wahrnehme. Wenn der Rahmen, den die Umwelt setzt, zu eng wird und Versorgungssicherheit und Wettbewerbsfähigkeit nicht mehr gewährleistet sind, fangen plötzlich die großen Diskussionen auf oberster politischer Ebene an. Im Jahr 1979 gab es in Schweden einen Volksentscheid, demzufolge bis 2010 alle Atomreaktoren abgeschaltet werden sollten. Aber bisher haben wir erst zwei von zwölf Reaktoren vom Netz zu genommen. Warum? Weil die Industrie die Energie brauchte.

Was kann die Politik in Deutschland und Schweden tun, damit die Energiewende am Ende gelingt?

Sie kann es nicht alleine schaffen. Ihr Ziel ist die technische Verbesserung und die Kostenreduzierung für neue Technologien, aber die Politik muss zu dem Punkt kommen, an dem sie eine neue Technologie der Industrie überlassen und sagen kann: Bitteschön, jetzt sind die Kosten für die neue Technologie die gleichen wie für die alten. Jetzt entscheiden Sie, was Sie tun wollen.

Das Gespräch führte Henrike Wiemker.

© wissenschaft.de – Henrike Wiemker
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