Anzeige
Anzeige

Technik+Digitales

Fotografie im größten Umbruch seit Jahrzehnten

Fotoausrüstung
Fotografie hat nicht nur technisch viele Wandlungen erlebt. Derzeit findet sie sich jedoch in einem riesigen Umbruch. (Bild: Deyan Georgiev / Adobe)

Bilder aufnehmen ist keine neue Erfindung. Allerdings befindet sich diese etablierte Sparte derzeit tief in einem faszinierenden Wandel, der alle Voraussetzungen mitbringt, um das Genre völlig neu zu erfinden.

Seit Joseph Nicéphore Niépce eine Camera obscura in das Fenster seines Arbeitszimmers stellte und über acht Stunden das erste Foto der Welt belichtete, stand Fotografie niemals still. Allerdings hat sie sich seit der Jahrtausendwende stärker gewandelt als zuvor in allen Jahrzehnten seit dem Ende des Krieges. Ein wichtiger Grund dafür ist das Aufkommen der Digitalfotografie im Allgemeinen und des Smartphones als leistungsfähige, ständig bereite Digitalkamera im Besonderen. Jedoch: Dieser Umbruch läuft nach wie vor. Für die kommenden rund fünf Jahre sind deshalb weitere hochinteressante Entwicklungen zu erwarten. Die acht wichtigsten im Portrait.

1. Der Berufsstand wird immer schwieriger

Die Auftrennung zwischen Amateur- und Profifotograf zieht ihre Wurzeln bis zum Beginn der Fotografie und war langjährig unangefochten. Seit zirka der Jahrtausendwende haben jedoch viele Profis starke Konkurrenz bekommen. In Deutschland wurde dies mit-ausgelöst als der Meisterzwang zum Ausüben fotografischer Selbstständigkeit 2004 abgeschafft und auch 2019 nach starken Diskussionen nicht erneut eingeführt wurde.

Allerdings handelt es sich um ein globales Phänomen mit weiteren Hintergründen:

  • Breit verfügbare Digitalfotografie, besonders im Smartphone-Bereich. Immer seltener werden deshalb Fotografen für Situationen gebucht, die ehedem ihr Hauptmetier waren. Etwa Portraits, Feierlichkeiten und dergleichen.
  • Fotografisches Equipment dehnte sich generell auf den Konsumentenbereich aus. Zusammen mit der digitalfotografisch bedingten Abwesenheit komplizierter Entwicklungsprozesse wurde Fotografie deshalb für Laien zugänglicher.
  • Die gestiegene Bedeutung von KI und Bildbearbeitungsprogrammen machte und macht es immer simpler, auch ohne tiefgreifendes Fachwissen handwerklich gute Fotos zu schießen.

Zwar werden die Zahlen gewerblicher Fotografen noch längere Zeit hoch bleiben; sie werden sich jedoch mit einer sinkenden Auftragslage konfrontiert sehen und somit einer immer stärkeren Notwendigkeit, durch Kreativität letzte Refugien von Alleinstellungsmerkmalen zu finden.

Anzeige

2. Der Spiegel geht dem Ende entgegen

Worum es geht

Für Jahrzehnte stellten Spiegelreflexkameras (analoge SLR bzw. digitale DSLR) die Speerspitze der Fotografie dar. Daran konnte auch der digitale Wandel nur wenig ändern: Statt eines Filmes wurde schlicht zunächst ein CCD-, später der heute weitverbreitete CMOS-Sensor belichtet. Weiterhin blieb jedoch der Spiegel, der die vom Objektiv kommenden Lichtstrahlen im Kameragehäuse (Body) umlenkt und in ein Okular (Sucher) umleitet, vor allem im mittleren und oberen Preissegment alternativlos.

Diese „Schonzeit“ endet jedoch derzeit und wird in den kommenden Jahren zu einem regelrechten Sterben der Spiegelreflexkamera führen. Auch in den oberen Segmenten werden spiegellose Modelle die Marktführerschaft übernehmen.

Wie die Gründe dahinter aussehen

Der wichtigste Auslöser dafür ist die Weiterentwicklung von Bildschirmtechnik: Die Dominanz des Spiegels blieb deshalb lange ungebrochen, weil Bildschirme im Sucher (noch) keine Alternative waren:

  • Wegen der nötigen extrem kompakten Bauweise gab es keine hinreichend feine Auflösung.
  • Was das Objektiv anvisierte, zeigte der Sucher-Bildschirm erst Sekundenbruchteile verzögert an – untragbar vor allem bei schnellen Fotosituationen, etwa Sportfotografie.
  • Viele Fotografen konnten sich nicht mit der „indirekten“ Bildübertragung anfreunden. Sie präferierten den direkten optischen Weg vom Motiv ins Fotografenauge.

Bildschirme hatten bei DSLRs deshalb nur ergänzende Funktion auf der Kamerarückseite. Ansonsten blieben sie als einzige Betrachtungsmöglichkeit auf (sucherlose) Kompakt- und einige Bridgekameras beschränkt.

2013 wagte jedoch der zuvor im Profisegment kaum vertretene Hersteller Sony den Anlauf mit einer hochklassigen Kamerageneration – mit Sucher und Wechselobjektiven und somit allem, was eine DSLR ausmacht, minus den Spiegel. Dieses Modell wurde über die kommenden Jahre weiterentwickelt und etablierte den spiegellosen Kameratyp auch bei anspruchsvollen Fotografen.

Das brachte die alteingesessenen Kamerahersteller unter beträchtlichen Druck. So zog auch Canon nach und hat nach ersten höherklassigen Modellen jüngst ein ähnliches leistungsfähiges Flaggschiff lanciert; auch Dauerkonkurrent Nikon offeriert spiegellose Oberklassegeräte; kaum ein Hersteller kann sich diesem Wandel entziehen.

Denn nicht nur, dass die Nachteile des Sucher-Bildschirms überwunden sind, der Spiegel hat nicht nur Vorteile:

  • Je nach Auslegung hält die Spiegelmechanik höchstens einige hunderttausend Auslösevorgänge durch, bevor sie durch Ausleiern eine Revision benötigt.
  • Die Spiegelbewegungen lassen einen Ruck durch die Kamera gehen, was bei Langzeitaufnahmen hochproblematisch ist und Umwege wie die Spiegelvorauslösung nötig macht.
  • Das Klackern des Spiegels kann als sehr störend empfunden werden, besonders in ruhigen Situationen.
  • Die Spiegelmechanik benötigt Raum. Besonders DSLRs, mehr noch als SLRs, sind deshalb ausnehmend üppige Geräte. Dies erschwert nicht nur das Handling, sondern lässt sie auch störender, offensiver wirken.

Noch führen die wichtigsten Hersteller zwar allesamt DSLRs in sämtlichen Segmenten, dies sind jedoch höchstwahrscheinlich die letzten ihrer Art.

3. Nicht noch mehr Handy-Linsen

Worum es geht

Bereits die ersten Smartphones besaßen Kameras. Diese wurden nicht nur mit jeder Generation leistungsfähiger, sondern auch immer vielfältiger nutzbar. Bis zu einem Punkt, an dem manche Modelle offensiv als Foto-Handy beworben wurden – mehr Kameras mit Smartphone-Funktionen als umgekehrt.

Möglich wurde das auch deshalb, weil immer mehr Kameralinsen für unterschiedlichste Zwecke verbaut wurden; bis zur Gegenwart, in der mehrere Hersteller mit fünf Linsen ein regelrechtes Facettenauge in die Geräterückseite integrieren. Doch wo technisches Wachstum vielfach ungebremst weitergeht, hat die Linsenmultiplikation ihren Gipfelpunkt erreicht – auch wenn gerüchtehalber Geräte mit sechs Stück geplant sind.

Welche Faktoren dazu beitragen

Dafür gibt es drei Gründe:

  • Fünf sorgsam konfigurierte Linsen decken zwischen Makro- und Weitwinkelfotografie jede typische Fotosituation ab. Mehr würde kaum einen Mehrwert generieren.
  • Smartphones sind Geräte des täglichen Gebrauchs und dadurch hohen Belastungen ausgesetzt. Mehr Linsen erhöhen die Schadensanfälligkeit.
  • Bereits jetzt wird das Größenwachstum der Geräte vielfach kritisiert. Noch mehr Linsen würden Handys weiter vergrößern.

Tatsächlich könnten die Zahlen der Linsen sogar wieder sinken. Möglich könnte das durch ein Revival der sogenannten Lichtfeldtechnik werden. Diese, Anfang der 2010er am Konsumentenmarkt verpuffte, Technik wurde bereits ergänzend in Smartphones eingesetzt. Sie könnte in den kommenden Jahren durch ihre Funktion die Notwendigkeit zu Mehrlinsensystemen gänzlich überflüssig machen – nicht zuletzt kaufte Google anno 2018 Lytro, den wichtigsten Hersteller solcher Kameras.

4. Deepfakes und die Notwendigkeit der Echtheitszertifizierung

Worum es geht

Die in den 1980ern aufgekommenen und in den 1990ern wirklich fähig gewordenen Bildbearbeitungsprogramme bereiteten schon immer Probleme mit Bildmanipulationen (Fakes). Allerdings beschränkten diese sich ausschließlich auf Einzelbilder. Das Bearbeiten mehrerer Frames eines Filmclips war bei weitem zu aufwendig. Es blieb deshalb glücklicherweise eine Randerscheinung – auch so konnten die oftmals selbst von Profis kaum erkennbaren Fake-Fotos viel Verwirrung stiften.

In den vergangenen rund fünf Jahren erlebte jedoch KI derartige Leistungssteigerungen, dass es auch unterhalb professioneller Levels möglich wurde, sehr glaubwürdige Fakes von Audio- und vor allem Videodateien zu erstellen, sogenannte Deepfakes.

Welche enormen Gefahren lauern

Ähnlich wie bei gefakten Fotos bestehen viele Gefahren durch die Möglichkeit, für Laien wie Profis kaum erkennbare Fälschungen zu erstellen. Sie werden verstärkt dadurch, dass viele Menschen Bewegtbildern und Ton tiefes Vertrauen schenken:

  • Betrug und Identitätsdiebstahl. Deepfakes sind so täuschend echt, dass sie Sicherheitsmaßnahmen unterlaufen und sogar Vertrauenspersonen vorspielen können. Dies wurde bereits mehrfach erfolgreich praktiziert – unter anderem bei einem Firmenchef, der mehrere hunderttausend Euro nach einem Anruf überwies.
  • Fake News. Durch den Austausch von Personen und Stimmen können praktisch beliebige Inhalte künstlich hergestellt werden. Insbesondere durch die Verbreitung von Social Media könnten die Folgen verheerend, sogar demokratie- und staatsgefährdend sein.
  • Verletzung der Persönlichkeitsrechte. Eine 2019 durchgeführte Studie brachte ans Licht, dass ein Großteil aller Deepfakes auf den Bereich Pornografie entfällt. Konkret auf die Montage von Prominenten und Privatpersonen in Pornofilme – fast ausschließlich sind Frauen die Opfer.
  • Vertrauensverlust durch Wahrheitsverzerrung. Je größer das Phänomen Deepfakes wird, desto mehr schwindet das Vertrauen in Medieninhalte – schließlich kann mutmaßlich alles gefälscht sein.

Für Politiker wie Betreiber sozialer Netzwerke stellen Deepfakes deshalb eine extreme Problematik dar, die mit allen Mitteln bekämpft werden muss.

Welche Lösungsansätze es gibt und geben könnte

Deepfakes sind angewandte Digitalisierung und KI. Aktuelle Bekämpfungsstrategien wirken dagegen reichlich rückständig: Sie bestehen vornehmlich aus unermüdlicher Recherche von Faktencheckern, die jedes unterkommende Dokument prüfen. Dabei hilft, dass die allermeisten Deepfakes zumindest auf einen realen Teil vertrauen. Beispielsweise eine politische Rede oder einen Bühnenauftritt.

Mittel- und langfristig lässt sich die fälschende KI jedoch nur durch andere KI wirksam eindämmen – so fasst es nicht zuletzt auch eine umfangreiche Veröffentlichung der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit zusammen. Ansätze gibt es bereits, darunter auch Arbeiten der DARPA; eine US-Behörde für Verteidigungsforschung, die unter anderem schon die Grundlagen für das Internet und Tarnkappentechnik entwickelte.

Ferner brachten einige Politiker auch schon eine radikale Maßnahme aufs Tableau: Ein Verbreitungsverbot für Deepfake-Programme. Mitunter auch an Strafen für den Besitz gekoppelt. Generell werden die kommenden Jahre das Problem aber wohl nur verschärfen; darauf deutet zumindest der frühere Aufstieg der ähnlich genutzten Bildbearbeitung hin.

5. Die stärkste schwache KI aller Zeiten

Worum es geht

Bereits mehrfach wurde in diesem Text klar, wie wichtig künstliche Intelligenz für die künftige Fotografie sein wird. Schon heute kann sie viel. Etwa:

  • Das bezugspunktbasierte Steuern des Autofokus.
  • Das Erkennen von Motivarten und automatische Einstellung der Kameraparameter darauf.
  • Das Erkennen von Motivmerkmalen und direkte, darauf abgestimmte Bildbearbeitung noch im Speicherungsprozess.
  • Das selbsttägige Entdecken und Beseitigen von Bildfehlern, beispielsweise Verwackelungen.

Das alles ist zwar „schwache“ KI, weil sie nur einen eng umgrenzten Einsatzzweck hat. Doch die jüngsten Fotomessen zeigten, dass künftig noch mehr möglich sein wird.

Wohin die Entwicklung geht

In den kommenden Jahren wird KI in der Fotografie sich vornehmlich darauf fokussieren, dem Benutzer noch mehr Arbeit abzunehmen. Also ein komfortorientiertes Vorgehen. Dadurch werden vor allem Laien immer besser in der Lage zu sein, Fotos „nach allen Regeln der Kunst“ zu erstellen: Aufnahmen, die in Sachen Bildaufbau, Belichtung, Schärfe usw. ähnlich wirken wie etwas, das früher nur Profis und ambitionierte Laien beherrschten.

Das ist die kurzfristige Zukunft. Mittelfristig wird sich dieser unterstützenden KI jedoch auch eigenständig handelnde KI hinzugesellen: Künstliche Intelligenz, die Fotos ganz ohne Kamera erstellt. Bereits seit einigen Jahren können Programme selbsttätig Kunst machen. Eigenständige Fotos sind nur eine Erweiterung davon.

Besonders interessant scheint hier Deep Angel. Diese vom Bostoner MIT entwickelte KI ist sowohl eine Bildbearbeitung wie sie ein Programm zur Aufdeckung von Fakes ist.

Welche Auswirkungen dies für die Bildbearbeitung hat

(Digitale) Fotografie und Bildbearbeitung sind seit Jahrzehnten untrennbar verbunden. Das heißt, KI wird nicht nur die Fotografie verändern, sondern auch die Bearbeitung. Nicht zuletzt Deep Angel zeigt, wohin die Reise gehen wird:

  • Generell wird die Notwendigkeit zu nachträglicher Bildverbesserung reduziert. Dafür sorgt KI bereits beim Fotografieren.
  • Einfachere Bildbearbeitung wird automatisiert. Das reduziert die Arbeitsbelastung – etwa in Grafikabteilungen.
  • Bildbearbeitung wird für Laien zugänglicher. Was jetzt mit Photoshop, GIMP und anderen Programmen nur nach umfangreicher Einarbeitung machbar ist, wird viel leichter.

6. Technik wird den Menschen nicht ersetzen

Worum es geht

Vor allem angesichts der KI gibt es viele besorgte Fotografen; Laien wie Profis. Sie sorgen sich, dass nach und nach der Mensch immer unbedeutender wird, zumindest hinter der Kamera.

Doch auch wenn diese Entwicklung alle Sparten von Fotografie und Bildbearbeitung verändern wird, so sind Sorgen, dass übermorgen Chip alles alleine machen, doch weitgehend unbegründet.

Welchen Stellenwert Kreativität und Fotografenblick auch morgen haben werden

Denn KI vermag vieles und in den kommenden Jahren noch mehr. Sie kann jedoch nicht das ersetzen, was den menschlichsten Part der Fotografie ausmacht: Der Sinn für Ästhetik, der Fotografenblick, das Gespür für den Moment. Natürlich, eine KI kann dafür sorgen, dass alle Motive nach dem goldenen Schnitt ausgerichtet sind. Nur ist dieser nicht in jeder Situation die optimale Bildkomposition.

Auch fehlt es KI völlig an der Fähigkeit, stimmige Szenerien, atemberaubende Gesichtsausdrücke und Ähnliches zu erkennen. Sie kann deshalb nur technisch bessere Bilder machen. Was die Ästhetik anbelangt, wird der Mensch noch so lange relevant sein, bis eine starke KI entwickelt wurde, die selbst einen Sinn dafür entwickeln kann – wovon die Forschung selbst nach optimistischen Schätzungen noch zwei Jahrzehnte entfernt ist.

7. Die Consumer-Class-Kompaktkamera geht dem Ende entgegen

Worum es geht

Seit der 35-Millimeter-Film erfunden wurde und auch nachdem Digitalfotografie den Durchbruch fand, stellten sie die Masse der Kameras dar: kleine, günstige Konsumentengeräte, zuletzt schon für mittlere zweistellige Beträge erhältlich. Doch ebenso wie für die Spiegelreflexkamera, so ist auch für diese Digitalkameras die Zeit endgültig abgelaufen.

Wie die Gründe dahinter aussehen

Der Grund dafür ist der einfachste in diesem ganzen Artikel: Smartphones. Selbst unterklassige Handys können es in Sachen Kameraleistung mit vielen Consumer-Kameras aufnehmen. In höheren Preisregionen lassen Smartphones diese Geräte auch weit hinter sich. Die digitale Kompaktkamera geht deshalb schon jetzt den Weg, den vor ihr Diktiergeräte, mp3-Player und Taschenrechner gingen.

8. Das Comeback der Analogfotografie geht weiter

Worum es geht

Als in den 1990ern Digitalfotografie von den ersten Profis angenommen wurde, begann der Niedergang der Analogfotografie. Der Absatz von Film brach ein. Waren anno 2000 allein in Deutschland noch knapp 200 Millionen Filme verkauft worden, waren es rund ein Jahrzehnt später keine 15 Millionen mehr. Die Zahl der am Markt befindlichen Geräte wurde ebenfalls immer kleiner. Heute hat selbst Nikon, einst eine der wichtigsten Größen für 35-Millimeter-Spiegelreflexkameras, nur noch ein einziges Modell im Repertoire – andere wichtige Hersteller sind sogar völlig digital geworden.

Über die 2000er und die erste Hälfte der 2010er schien es deshalb, als wäre Analogfotografie unumkehrbar dem Untergang geweiht. Abgesehen von Künstlern und Nostalgikern sah es so aus, als wollte niemand mehr auf Film fotografieren. Seit einigen Jahren allerdings zeigt sich, dass hier etwas Ähnliches passiert wie mit der Schallplatte im Angesicht von CDs und digitalen Musikformaten: das Interesse steigt wieder.

Bei Kameras und mehr noch Film wurde der Tiefpunkt erreicht, seitdem geht es aufwärts. In einer sehr flachen Kurve, aber absolut merkbar.

Warum es kein Pseudotrend ist

Bei vielen Trends scheint es nur so, dass sie von Dauer wären. Bei der analogen Fotografie deuten jedoch einige Tatsachen darauf hin, dass ihr Aussterben tatsächlich für längere Zeit ausgesetzt wurde:

  • Filmhersteller Kodak revitalisierte seine Ektachrome E100 Filmreihe wieder. Dieser wegen seiner Optik über Jahrzehnte hochgeschätzte Film war 2012 eingestellt worden.
  • Das ebenfalls als ausgestorben geltende Sofortbildverfahren kehrte zurück und wird derzeit recht erfolgreich von einigen Herstellern bedient – auch in wirklich analoger Form und nicht nur als Digitalkamera mit integriertem Kleindrucker.
  • Auf dem ganzen Globus werden seit einigen Jahren in beträchtlich verstärktem Maß gebrauchte Analogkameras gehandelt. Für einige Modelle stiegen die Preise bereits dramatisch an.

So wie das gesamte Comeback werden auch dessen Hintergründe gerne mit dem Revival der Schallplatte verglichen. Allerdings scheint es bei der Fotografie mehr Auslöser zu geben:

  • Digitalfotografie machte das Fotografieren durch die Speichermengen inflationär. Analogfotografie zwingt dazu, sich scharf zu mäßigen. Viele versprechen sich dadurch einen Vorteil für ihre Bildqualität durch „Klasse statt Masse“.
  • Analoge Kameras sind weitgehend frei von elektronischen/digitalen Erleichterungen. Teils müssen selbst Filmtransport und Fokus manuell erledigt werden. Sehr häufig auch sämtliche weiteren Einstellungen von Belichtungszeit, Blende und Brennweite. Für viele Nutzer hebt das den technischen Aspekt hervor, der zuletzt durch diverse Kameraautomatiken verloren gegangen schien.
  • Film hat eine ganz eigene Optik, die sich nach Ansicht vieler nur unzureichend auf digitale Weise reproduzieren lässt.
  • Auch die gestiegenen Preise für analoge (Gebraucht-)Kameras und Zubehör sind verhältnismäßig niedrig; vor allem im Vergleich mit digitalen Profimodellen neuester Bauart. Zudem wurde die Filmentwicklung in Eigenregie ebenfalls preislich zugänglicher.

Vieles davon mag mehr von Emotionalität als Rationalität geprägt sein. Aber es genügte definitiv, um das völlige Verschwinden der Analogfotografie zu vermeiden. Auch ist es ein weiterer Beweis für den Faktor Mensch – für den es oftmals auf mehr ankommt, als ein rein technisch perfektes Foto.

Fazit

Die kommenden Jahre werden in der Fotografie höchstwahrscheinlich für einige sehr interessante Umwälzungen sorgen. Längst nicht alles davon lässt sich mit dem Smartphone begründen. Doch auch wenn Kameras immer digitaler, immer schlauer im ursprünglichen Sinn werden, ändert sich am Grundgedanken vom „Einfangen des Moments“ doch auch in Zukunft nichts – und solange diese Kontinuität besteht, ist beinahe alles für die Fotografie nur vorteilhaft.

27.10.2020

Anzeige

bild der wissenschaft | Aktuelles Heft

Anzeige

Dossiers

Aktueller Buchtipp

Sonderpublikation in Zusammenarbeit  mit der Baden-Württemberg Stiftung
Jetzt ist morgen
Wie Forscher aus dem Südwesten die digitale Zukunft gestalten

Wissenschaftslexikon

fun|gi|zid  〈Adj.; Med.〉 Pilze vernichtend, Pilze tötend [zu lat. fungus ... mehr

♦ ni|trier|här|ten  〈V. t.; hat; nur im Inf. u. als Part.: nitriergehärtet〉 Stahl ~ in Stickstoff abgebenden Mitteln glühen, um die Oberfläche zu härten; Sy nitridieren ... mehr

Au|to|trans|fu|si|on  〈f. 20; Med.〉 Eigenblutübertragung [<grch. autos ... mehr

» im Lexikon stöbern
Anzeige
Anzeige