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Internet: Agenten im Netz

Intelligente Programme lotsen durch das Daten-Wirrwarr des Internet. Software-Agenten durchforsten das weltumspannende Datennetz nach verborgenen Informationen und erledigen unangenehme Aufgaben für ihren Auftraggeber. Der erste Schritt zum intelligenten Netzlotsen ist getan.

Ob ein Wissenschaftler unter Millionen von Dokumenten nach einem Fachartikel fahndet, der Internet-Surfer einen Gesprächspartner für den Online-Plausch sucht oder der Teleshopper ein Schnäppchen machen will: Die Informationssuche im Internet erfordert viel Zeit, eine Menge Know-how – und ist nicht immer erfolgreich.
Damit der Netz-Nutzer künftig bei seiner Expedition durch den Daten-Dschungel schneller ans Ziel kommt, basteln Computerwissenschaftler unter Hochdruck an intelligenten Lotsen, die ihrem Besitzer zeitraubende Aufgaben beim Streifzug durchs Internet abnehmen. Diese sogenannten Sofware-Agenten sind zur Zeit in der Online-Branche ein heiß diskutiertes Thema. Wenn Nicholas Negroponte, Direktor des Media Lab am Massachusetts Institute of Technology (http://ttt.www.media.mit.edu/), recht behält, werden die virtuellen Agenten in Zukunft nicht bloß Informationen aus riesigen Datenbeständen heraussuchen. „Persönliche digitale Assistenten“, kurz PDA, werden sogar persönliche Zeitpläne erstellen und ihre Einhaltung überwachen, Flüge buchen und Tips für den nächsten Kinobesuch geben.

Der Unterschied zwischen einem „digitalen Butler“, wie Negroponte die künftigen Agenten-Programme vornehm nennt, und sogenannten Suchmaschinen, die schon heute im Internet ihre Dienste verrichten, ist immens. Beispiel Informationssuche im World Wide Web: Suchmaschinen erstellen eine Liste von Dokumenten, in denen ein bestimmter Suchbegriff vorkommt. Der Nutzer muß nun jedes Dokument dieser Liste anklicken und lesen, um zu entscheiden, ob die Information für ihn relevant ist oder nicht.
Ein Agent sollte in der Lage sein, die Relevanz eines Dokumentes zu beurteilen und eine Vorauswahl zu treffen. Dazu muß sich ein Agentenprogramm eine Menge Wissen über die Interessen seines Benutzers einpauken und gut strukturiert speichern. Außerdem ist eine gewisse Intelligenz vonnöten, um aus diesem Wissen die richtigen Schlußfolgerungen zu ziehen. Daß Intelligenz und das dafür nötige Wissen einem Computerprogramm nur sehr schwer beizubringen ist, lehrt die vierzigjährige dornenreiche Geschichte der Künstlichen Intelligenz (KI). Tatsächlich ist heute noch kein persönlicher Agent auf dem Markt, der die Bezeichnung „intelligent“ wirklich verdient.

Doch es gibt Ansätze: Das Programm „OpenSesame“, von seinem Hersteller Charles River Analytics in Cambridge, Massachusetts (http://www.opensesame. com/index.hbs), vollmundig als „intelligenter Agent“ angepriesen, schaut seinem Benutzer über die Schulter und erkennt regelmäßig wiederkehrende Vorgänge, die es automatisiert. Für Routinearbeiten am Computer ist das eine feine Sache – ohne Zweifel ein ideales Betätigungsfeld für persönliche Agenten. Hier schon von Intelligenz zu reden, wäre allerdings maßlos übertrieben. Denn dem Programm fehlt jedes inhaltliche Wissen – eine notwendige Voraussetzung, um Dokumente auf ihre Relevanz zu prüfen. So ist zu befürchten, daß OpenSesame – obwohl gut gemeint – unter Nicholas Negropontes Verdikt fallen wird, daß „ein Agent ohne gesunden Menschenverstand seinem Benutzer nur auf die Nerven geht“.

Weit realistischer klingen die Versprechungen zu „CIG-SearchBot“, einem Agentenprogramm, das an der Universität von Massachusetts entwickelt wurde und dort auf einem Internet-Rechner läuft (http://dis.cs.umass.edu/ research/searchbots.hbs). Nach außen wirkt CIG-SearchBot wie eine bessere Suchmaschine: Man richtet daran via World Wide Web eine Suchanfrage – und erhält kurze Zeit später eine Liste von Web-Seiten zum gewünschten Thema. Im Vergleich zu den ellenlangen Listen herkömmlicher Suchmaschinen, die meist mit unnützen und nicht zum Thema passenden Informationen überfrachtet sind, wirkt diese Aufstellung fast von Menschenhand verlesen – wenn man Glück hat, denn das Programm läuft noch im Probebetrieb.

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CIG-SearchBot ist ein Beispiel für einen Agenten, der zwar weder „persönlich“ noch besonders „intelligent“ ist, dafür aber „kooperativ“. Anstatt selbst eine riesige Webseiten-Datenbank zu durchforsten – in der von „Aalräucherei“ bis „Zylinderstifte“ alles steht -, leitet er eine Suchanfrage erst einmal an einen zweiten Agenten weiter, der anhand einer sogenannten Meta-Datenbank darüber entscheidet, an welchen Stellen im Internet gesucht werden soll. Spezielle Such-Agenten führen diese Suche dann im Auftrag aus.

Für Marvin Minsky, KI-Pionier und Professor am MIT, entsteht intelligentes Verhalten von Computerprogrammen überhaupt erst aus der Zusammenarbeit vieler, eher „dummer“ Programme. Den Begriff „Agenten“ prägte er schon Mitte der achtziger Jahre in seinem Buch „The Society of Mind“ (deutsch: „Mentopolis“), das mittlerweile als Bibel einer eigenen Forschungsrichtung gilt: der Verteilten KI, auf englisch: distributed artificial intelligence (DAI).
Auch nach Ansicht von Sahin Albayrak, Leiter des DAI-Labors an der Technischen Universität Berlin (http://dai.cs.tu-berlin.de/), ist ein Agent „weniger ein persönliches Expertensystem als vielmehr Teil eines größeren Systems von Programmen, die koordiniert zusammenarbeiten“. Für die deutsche Telekom entwickelt seine Arbeitsgruppe im Rahmen des Projektes „Rekos“ Werkzeuge, mit denen man agentenbasierte Anwendungen programmieren, simulieren und testen kann. Für das amerikanische Software-Unternehmen Sun arbeiten die Berliner an einer Erweiterung der WWW-Programmiersprache Java, damit bald auch im World Wide Web Agenten kooperieren können.

Bis jedoch Agenten in nennenswerter Zahl das Internet bevölkern, wird noch einige Zeit vergehen. Weder ist eine standardisierte Sprache in Sicht, in der sich alle künftigen Agenten verständigen können – Telescript und Java sind nur erste Ansätze -, noch sind wichtige Fragen der Netzsicherheit geklärt. Wie schützt man sich zum Beispiel vor bösartigen mobilen Agenten? Die gibt es nämlich schon lange: Computerviren sind eine besonders fiese Variante autonomer und mobiler Programme.
Eine Menge Entwicklungsarbeit an Hochschulen und in einer zunehmenden Zahl von eigens gegründeten Unternehmen steht noch an. Doch sie wird sich – zumindest finanziell – lohnen. Nach Schätzungen der Londoner Consulting-Firma Ovum Ltd. wird der Umsatz, der mit Agenten-Technologien erwirtschaftet wird, im Jahre 2000 an die vier Milliarden Mark betragen.

Hans-Peter Stricker
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