Internet: So normal wie der Fernseher - wissenschaft.de
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Internet: So normal wie der Fernseher

Tim Berners-Lee über die Zukunft des Internet. Er ist der Vater des World Wide Web – doch ganz zufrieden ist Tim Berners-Lee, der heute am MIT in Boston arbeitet, mit seinem Kind nicht. Manche seiner Ideen sind nicht so umgesetzt worden, wie er sich das vorgestellt hat. Doch in einem Interview mit der MIT-Zeitschrift Technology Review, das wir gekürzt abdrucken, gibt sich der WWW-Pionier optimistisch.

bild der wissenschaft: Ist das World Wide Web anders geworden, als Sie ursprünglich geplant hatten?

Berners-Lee: Die ursprüngliche Idee war: Jedermann sollte Texte schreiben können, die durch Hyper-Links miteinander verbunden sind. HTML sollte dabei für den Schreiber nicht sichtbar sein – es war als eine Sprache gedacht, die von einem Editor-Programm erstellt wird. Bei einem Textverarbeitungsprogramm muß man schließlich auch nicht verschlüsselte Befehle benutzen, um die Schrift in einem Dokument zu formatieren. Deshalb verblüfft es mich, daß man HTML immer noch per Hand eingeben muß. Genausowenig habe ich erwartet, daß die Hyper-Links nur unter Verwendung von langen und komplizierten Adressen erstellt werden können, wie es heute noch der Fall ist.

bild der wissenschaft: Was hatten Sie stattdessen geplant?

Berners-Lee: Im Prototyp blätterte man einfach herum, fand etwas Interessantes, ging wieder zurück zu dem Text, an dem man schrieb, und klickte ein Symbol an. Dadurch wurde automatisch ein Link erstellt. Erst jetzt wird diese Idee wieder aufgegriffen. In einigen Jahren werden wahrscheinlich alle Dokumente im Netz ohne direkte Verwendung von HTML und URL erstellt werden.

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bild der wissenschaft: Was muß sich im WWW ihrer Meinung nach ändern?

Berners-Lee: Ich hoffe, daß die heutigen Browser verschwinden. Mit dieser Software kann man nur lesen, aber nicht schreiben. Deshalb wird das Web nicht so genutzt, wie ich es geplant habe – als Kommunikationswerkzeug, mit dem effektivere Teamarbeit möglich ist. Ein Browser eröffnet nur einen beschränkten Zugang zur Welt.

bild der wissenschaft: Wie sähe denn ein zukünftiges Netz ohne Browser aus?

Berners-Lee: Sie werden statt eines Browsers direkt ein Dokument sehen. Sie werden einem Link folgen und andere Dokumente durchblättern. Dann werden Sie vielleicht ein Dokument finden, das Sie in einen Laden führt. Dort wandern Sie herum und legen in einen Einkaufskorb alles hinein, was Sie kaufen wollen. Am Ende bezahlen Sie, was im Korb ist. Das Programm, das den Einkaufswagen steuert, haben Sie aber nicht gekauft, sondern es wird automatisch zu Ihrem Computer übertragen, wenn Sie das Bild des Einkaufswagens anklicken.

bild der wissenschaft: Man muß die Software also nicht mehr erst kaufen und installieren, bevor man sie nutzen kann?

Berners-Lee: Ja. Zwei Beispiele: Ein Astronom sieht sich Spektren an, die auf einem fremden Rechner abgelegt sind. Dann wird seinem Computer auch Software überspielt, mit der er die Spektren analysieren und bearbeiten kann. Einem Biologiestudenten wird zu einem Bild der DNA gleich ein kleines Programm mitgeliefert, das ihm erlaubt, das Modell des Erbguts zu drehen oder zu sequenzieren. Die Fähigkeiten Ihrer Computer-Software werden nicht mehr davon abhängen, von welcher Firma Sie diese gekauft haben, sondern davon, was Sie gerade im WWW lesen. Sie werden Software benutzen und sogar selber erstellen, ohne daß Sie es überhaupt bemerken.

bild der wissenschaft: Wie soll das WWW nach ihren Vorstellungen in fünf oder zehn Jahren aussehen?

Berners-Lee: Ich möchte, daß man auch in Entwicklungsländern leichteren Zugang bekommt. Außerdem sollte jeder mit einem Internet-Zugang auch billig Informationen im Netz plazieren können. Ich rechne damit, daß Computer mit Netzanschluß in Zukunft so normal werden, wie heute die Fernseher. Wer einen Computer mit gutem Netzanschluß hat, braucht eigentlich gar keinen Fernseher mehr.

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