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KEIN NOBELPREIS – TROTZDEM SPITZE

Die Fraunhofer-Gesellschaft verwandelte sich von einem Instituts-Konglomerat zur führenden Forschungs-Phalanx.

Nobelpreisträger als Aushängeschild gibt es bei der Fraunhofer-Gesellschaft nicht – und wird es wohl nie geben. Derartige Auszeichnungen gehen zumeist an Grundlagenforscher, wie man sie etwa bei der Max-Planck-Gesellschaft findet, und werden nicht für angewandte Forschung vergeben. Fraunhofer-Forscher erhalten andere Preise. Holger Boche, Leiter des Berliner Fraunhofer-Instituts für Nachrichtentechnik HHI, nahm 2008 den mit 2,5 Millionen Euro dotierten Gottfried-Wilhelm-Leibniz-Preis für „zahlreiche wichtige Impulse“ zum Ausbau der Mobilfunktechnik entgegen. An Andreas Bräuer vom Jenaer Fraunhofer-Institut für Angewandte Optik und Feinmechanik IOF ging der mit insgesamt 250 000 Euro ausgestattete Deutsche Zukunftspreis 2008. Zusammen mit zwei Forscherkollegen von Osram Semiconductor hat er neuartige Dünnfilm-Leuchtdioden entwickelt, die in immer mehr Projektoren, Leuchten oder Autoscheinwerfern auftauchen. Fraunhofer-Forscher tüfteln an Produkten und marktreifen Technologien. Ob ihre Forschung erfolgreich ist, wird nicht an der Zahl ihrer Veröffentlichungen gemessen, sondern an Patenten und am Ertrag.

Während Max-Planck-Forscher stolz darauf sind, Steuergelder in exzellente Forschung umzuwandeln, gilt für den Präsidenten der Fraunhofer-Gesellschaft Hans-Jörg Bullinger das Credo: „Eine Gesellschaft kann nicht nur aus Geld Wissen machen. Wir müssen aus Wissen auch wieder Geld machen.“ Genau dies ist der Generalauftrag an die Fraunhofer-Gesellschaft. 1,2 Milliarden Euro des Gesamtbudgets von 1,4 Milliarden Euro stammten 2008 aus der Vertragsforschung. Zu einem Drittel werden die 1,2 Milliarden mit Aufträgen aus der Industrie erwirtschaftet, ein Drittel kommt aus öffentlichen Aufträgen, ein Drittel steuern Bund und Länder als Grundfinanzierung bei. Der Rest von 200 Millionen Euro verteilt sich auf Verteidigungsforschung und Ausbauinvestitionen. Jedes Forschungsinstitut, jeder Wissenschaftler muss sich auf dem Markt behaupten. Der ideale Fraunhofer-Forscher beherrscht also nicht nur sein Fach. „Er muss das, was ihn fasziniert, auch verkaufen können“, sagt Ulrich Buller, im Vorstand für die Forschung zuständig.

Begonnen hat die Fraunhofer-Gesellschaft vor 60 Jahren mit drei Mitarbeitern in einem kleinen Münchner Büro, gewissermaßen als Garagenfirma. Bearbeitet wurden Maschinenbau, Bergbau und das Hüttenwesen. Heute umfasst sie 57 Institute mit einem extrem breiten Forschungsspektrum. Kein Wunder, dass sie auch in Europa die größte Organisation für angewandte Forschung ist. Noch in den 1960er-Jahren galt Fraunhofer als „Schmuddelkind im Wissenschaftsbereich“, erinnert sich der frühere Präsident Max Syrbe. Inzwischen hat sie sich in der Wahrnehmung zur Nummer zwei der deutschen Forschung hochgearbeitet – nach der Max-Planck-Gesellschaft. Beide Einrichtungen sind ein Glücksfall für die Bundesrepublik Deutschland, sie ergänzen sich gut. Die jeweiligen Namensgeber sind Programm: Max Planck war Spross einer traditionsreichen Gelehrtenfamilie und Theoretischer Physiker durch und durch, der in seinem Leben nur ein einziges Experiment gemacht hat. Joseph von Fraunhofer dagegen war Frühwaise, Spiegelschleiferlehrling, Autodidakt, dann erfolgreicher Forscher, Erfinder, Unternehmer und wurde als Emporkömmling sogar geadelt.

Das MARKTRISIKO HAT NUR FRAUNHOFER

Nahezu alle großen deutschen Unternehmen sind Kunden. Doch mehr als die Hälfte der Industrie-Einnahmen stammt aus Projekten mit Klein- und Mittelbetrieben. Ein typisches Beispiel ist „ Robinstone“, ein Projekt, das im Januar 2009 am Berliner Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK startete. Initiiert vom Bildhauer Karl Dräger soll ein Roboter zur Bearbeitung von großen Steinblöcken entwickelt werden. Dräger hatte bei einschlägigen Unternehmen keine Unterstützung für das nach seinen Angaben „visionäre Projekt“ gefunden – aber bei Fraunhofer, wo man „sehr offen sei für Querdenken“. Außer dem Fraunhofer-Institut beteiligen sich an dem 500 000-Euro-Projekt vier kleine Unternehmen. Projektziel ist der Robotereinsatz beim Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses. Wird daraus nichts, hat das Berliner Fraunhofer-Institut Geld und Arbeitskraft vergeblich investiert. „Das technologische Risiko hat jede Forschungseinrichtung“, meint Ulrich Buller. „Das Marktrisiko hat dagegen nur Fraunhofer.“

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55 Milliarden Euro geben deutsche Unternehmen für Forschung und Entwicklung im Jahr aus. Verglichen damit ist Fraunhofers Beitrag gering. „Dafür hat Fraunhofer die Innovationskraft, die Unternehmen zunehmend fehlt“, meint Rainer Stark, seit anderthalb Jahren Abteilungsleiter am Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK in Berlin. Er kennt beide Seiten. 14 Jahre arbeitete er in leitender Position in der Industrieforschung und schlug sich dort mit „ systemimmanenten Innovationsdefiziten“ herum. „Die Riege der Controller ist nur am kurzfristigen Return of Investment interessiert“, bedauert Stark. Darunter leide die Vorlaufforschung in den Unternehmen. Diesen Vorlauf ermöglicht die Fraunhofer-Gesellschaft durch eigene Forschung auf zukunftsträchtigen Feldern. Sie ist grundlegender und langfristiger orientiert als die Auftragsforschung, die immer rasch und dicht am Produkt erfolgt. Ziel der Vorlaufforschung sind Innovationen, die Unternehmen zu riskant erscheinen und die sie daher nicht finanzieren. Den Vorlauf fördern soll auch die dauerhafte Kooperation, die Fraunhofer mit der Max-Planck-Gesellschaft eingegangen ist und die inzwischen ein Dutzend Projekte umfasst. Die Zusammenarbeit habe sich sehr gut entwickelt, meint Ulrich Buller – auch wenn beide Seiten unterschiedliche Interessen hätten: „Die Max-Planck-Kollegen möchten gute Veröffentlichungen schreiben. Wir wollen vor allem Patente und Ergebnisse für eine spätere Auftragsforschung haben.“

HERAUSRAGENDE NEUERUNGEN

Da Vernetzungen höhere Erträge bringen, hat der Vorstand „ mehrere herausragende Neuerungen eingeführt“, so Ulrich Buller:

· Institute mit ähnlichem Schwerpunkt gehören in der Regel zu einem Verbund – etwa dem Verbund Mikroelektronik oder dem Verbund Produktion. Sechs Verbünde sollen Ressourcen gemeinsam nutzen und Forschungsprogramme abstimmen.

· Allianzen werden von Fraunhofer-Forschern geschmiedet, die auf der Grundlage gleicher Technologien neue Produkte entwickeln. Bei der Allianz der Bildverarbeiter „Vision“ arbeiten beispielsweise Forscher von 14 Fraunhofer-Instituten zusammen.

· In Innovationsclustern führen Fraunhofer-Institute die innovativen Kräfte einer Region zusammen, die thematisch zueinander passen und neue Produkte entwickeln wollen. 15 Cluster wurden seit 2005 initiiert, beispielsweise der Cluster „Sichere Identität“, in dem in Berlin fünf Fraunhofer-Institute, fünf Universitäten und zehn Unternehmen zusammenarbeiten.

Nicht zuletzt sind die meisten Fraunhofer-Institute eng mit benachbarten Universitätsinstituten verzahnt. Das hilft bei der Nachwuchssuche angesichts des seit Jahren beklagten Mangels an Ingenieuren und Naturwissenschaftlern. Allerdings bleibt der gewonnene Nachwuchs meist nicht lange erhalten. Junge Ingenieure und Naturwissenschaftler nutzen die Gesellschaft gerne als Sprungbrett, um nach ein paar Jahren in die Industrieforschung zu wechseln. „Wir sind eine Art Durchlauferhitzer“, sagt Buller. So liefert Fraunhofer der Wirtschaft nicht nur Technologien, sondern auch Qualifikationen.

Frei und vielfältig forschen

Marcel Manthei, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fraunhofer-Institut für Produktionsanlagen und Konstruktionstechnik IPK, ist ein typisches Beispiel. Derzeit promoviert er. Seine Stelle ist nur noch für zwei Jahre abgesichert. Will er länger bleiben, muss er Folgeaufträge heranschaffen. Indem er sich darum bemüht, schult er seine unternehmerischen Fähigkeiten. Manthei ist gern bei Fraunhofer. Hier findet er „ein prima Arbeitsklima, junge Kollegen, eine hervorragende Zusammenarbeit“. Fraunhofer mache sich gut im Lebenslauf. Doch bleiben will er eher nicht: „In der Industrie zahlt man besser.“ Manche Forscher ziehen Fraunhofer dennoch der Industrie vor. „Geld ist nicht alles“, sagt der ehemalige Industriemann Rainer Stark. Und Hans Walter, Leiter des Testlabors am Berliner Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM, meint: Als Forscher in der Industrie sei man sehr eingeengt. Bei Fraunhofer lasse sich freier und vielfältiger forschen.

2008 hatte die Fraunhofer-Gesellschaft bisher ihr bestes Jahr. Und selbst die ersten Monate 2009, in denen die Weltwirtschaft abstürzte, waren nicht übel. „Werte wie Innovationsfähigkeit werden in Zukunft stärker in den Vordergrund treten als die Kapitalrendite“, erwartet Rainer Stark. Eine wichtige Rolle für Fraunhofer sieht auch Fritz Klocke, Leiter des Fraunhofer-Instituts für Produktionstechnologien IPT in Aachen: „ Unsere Aufgabe ist es, mehr zu leisten, als es die Industrie im Moment kann“, sagt er. „Wir müssen dafür forschen, dass wir auch in Hochlohnländern weiterhin konkurrenzfähig produzieren können.“ Europas zukünftige Rolle sieht er als internationale Fabrik für Industrieausrüstungen.

In einem mehrjährigen Diskussionsprozess hat die Fraunhofer-Gesellschaft eine Reihe von Leitinnovationen und Zukunftsthemen identifiziert, an denen sich die Institute langfristig orientieren. Das reicht vom Wassermanagement und energieeffizienten Bauen über biofunktionale Oberflächen und Medizintechnik bis hin zu LEDs und neuartigen Sensoren. Auch räumlich gesehen wird sich die Gesellschaft ausbreiten. „Unsere Kunden agieren global, und wir müssen ihnen folgen“, sagt Bullinger. Fraunhofer ist bereits präsent in Europa, den USA und in Asien. Seit 15 Jahren gibt es eine amerikanische Fraunhofer-Tochter mit inzwischen sieben Centern. 2008/2009 entstanden Töchter in Österreich und Portugal. In diesen Ländern wie auch in Schweden und Ungarn unterhalten einzelne Fraunhofer-Institute Niederlassungen. Die Auslandserträge erreichten 2008 einen neuen Höchststand von 147 Millionen Euro.

Das Erfolgsmodell Fraunhofer strahlt über den Rhein hinüber. Vor vier Jahren hat die französische Regierung die „Association des Institutes Carnots“ (AIC) ins Leben gerufen. Sie soll die anwendungsorientierte Forschung im Nachbarland bündeln. Fraunhofer hat die Gründung beratend begleitet und strebt eine strategische Zusammenarbeit an. Dahinter steht die Vision einer europäisch ausgerichteten Fraunhofer-Gesellschaft. „Im Jahr 2020″ , so die Europastrategie, „wird Auftragsforschung für europäische Kunden zum Alltagsgeschäft jedes Fraunhofer-Instituts gehören.“ ■

Heinz Horeis hat für bdw eine Reihe beachtenswerter Institutsporträts verfasst, zuletzt über das MPI für evolutionäre Anthropologie (7/2008).

von Heinz Horeis

KOMPAKT

· „Wir machen Wissen zu Geld“, heißt ein geflügelter Spruch bei Fraunhofer.

· 1,2 Milliarden Euro pro Jahr stammen aus der Vertragsforschung.

· Verbünde und Allianzen können weit mehr erreichen als einzelne Institute.

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Bin|dig|keit  〈f. 20; unz.〉 1 bindige Beschaffenheit 2 〈Chem.〉 Zahl der Atombindungen, die von einem Atom ausgehen ... mehr

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Bis|mu|tit  〈m. 1; Min.〉 gelblich grünes, graues od. strohgelbes Mineral, chem. ein basisches Bismutkarbonat; →a. Bismut ... mehr

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